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Russland schreibt die Geschichte um

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Alle Länder betreiben Geschichtspolitik. Eine jede Nation beruft sich auf die Vergangenheit, um Entscheidungen der Gegenwart zu rechtfertigen. Alle Nationen berichten über die Vergangenheit, um ihre Gegenwart zu verstehen.

In Russland jedoch ist die Beziehung zwischen dem Staat und der Vergangenheit ungewöhnlich und bedarf der besonderen Betrachtung. Um es klar zu sagen, Russland ist ein Land, wo die gegenwärtige Tradition, Geschichte zu fälschen und zu manipulieren, tiefer und ausgeprägter als irgendwo anders ist. Schon die Sowjetelite fälschte absichtlich und entschieden die Geschichte, und dies über viele Jahre. Sie retouchierten Bilder um in Ungnade gefallene Genossen zu tilgen, sie schrieben Geschichtsbücher um und maßen sich selbst eine Bedeutung bei, die sie nie besaßen, sie quälten und manipulierten professionelle Historiker.

 

Russlands gegenwärtige Elite ist nicht die sowjetische, auch glaube ich nicht, dass die russische Führung vorhat, die Sowjetunion wieder zu schaffen. Das Führungspersonal der neuen Elite sind jedoch Leute, die nicht nur in der Sowjetunion, sondern in der Kultur des alten KGB aufwuchsen und ausgebildet wurden, wo sie die dominanten Einstellungen und Orientierungen aufgesogen haben.

Im alten sowjetischen KGB existierte nichts, was als neutrale oder objektive Geschichte gelten könnte. Geschichte war etwas, was zynisch im Kampf um die Macht gebraucht – wenn du diese nicht nutzt, dann wird es dein Gegner tun. Bis vor kurzem war jene instrumentelle Haltung gegenüber der Geschichte noch nicht prägend für das postsowjetische Russland. In den achtziger Jahren zu Zeiten von Glasnost wurden Diskussionen über die Geschichte geradezu zu einer nationalen Obsession. Während der ökonomischen Krise nach der Ära Gorbatschow waren die Menschen einfach zu beschäftigt, als über die Vergangenheit zu sinnieren: sie sprachen nicht länger über den GULag und die stalinistischen Repressionen, da sie schlicht Dringenderes zu tun hatten.

In Putins und Medwedjews Russland ist dies nicht länger der Fall: Heutzutage sind Ereignisse in russischen Schulbüchern präsent bzw. verschwinden aus der offiziellen Kultur aufgrund eines dezidierten Beschlusses, so zu handeln. Über Russlands Geschichte wird aus kalkulierten und unmittelbar politischen Gründen entschieden. In aller Regel um die Macht der führenden Elite zu legitimieren. Genau betrachtet geschieht dies, weil kein eigenständiger demokratischer Prozess in Russland existiert. Die gegenwärtige Führung hat stets ein gewisses Maß an Unsicherheit über ihre Lage und über ihre tatsächliche Popularität. Die Manipulation von Geschichte ist eines der Mittel mit denen sie die Öffentlichkeit überzeugen möchte, dass sie die rechtmäßigen Führer Russlands sind. Ein Blick auf das, was hervorgehoben und was ausgeklammert wird, lässt vieles über die politischen Ziele des gegenwärtigen Russlands erkennen.

Das erste und offensichtlichste Ereignis, das im zeitgenössischen Diskurs fehlt, ist ganz offenkundig der GULag und die ganze Geschichte der stalinistischen Periode, in der Millionen Menschen in Lagern und bei Massakern ermordet wurden sowie durch das ganze Land deportiert wurden. In den achtziger Jahren, wie ich bereits erwähnte, wurde dieses Thema nachdrücklich und öffentliche debattiert. In den neunziger Jahren, als ich an meinem Buch über den GULag arbeitete, wurde diese Periode häufig als irrelevant oder langweilig erachtet. Nun jedoch nimmt sie langsam Formen eines politischen Tabus an und wird diese Zeit wieder als heikles und gefährliches Thema betrachtet.

Ich will nicht übertreiben: Nicht alle russischen Archive sind geschlossen und nicht alle russischen Historiker schreiben über das ruhmreiche sowjetische Raumfahrtprogramm. Beim Durchqueren Russlands ist es sogar möglich eine Handvoll informeller, semi-offizieller und privater Denkmäler des GULags und des Terrors zu finden. Aus der Perspektive Moskaus, einer Stadt mit gewaltigen Kriegsdenkmälern und riesiger öffentlicher Infrastruktur scheinen diese lokalen Initiativen unzulänglich. Mir scheint, die Mehrheit der Russen sind sich nicht einmal bewusst, dass es sie gibt.

Dieser Mangel an Denkmälern sagt noch mehr aus: Obgleich Ende der achtziger Jahre viel über den Terror gesprochen wurde und in den frühen neunziger Jahren ein „Prozess“ gegen die kommunistische Partei kurzzeitig angestrengt wurde, gab es kaum offizielle Untersuchungen, staatliche Nachforschungen oder öffentliche Entschuldigungen. Tatsächlich ist bis heute keine juristische Anerkennung für das passiert, was in der stalinistischen Zeit geschehen ist. So können Opfer zwar eine Rehabilitation erfahren, diese kann ihnen aber genau so gut versagt bleiben und zudem ohne plausible Erklärungen.

Es gibt viele Gründe dafür, zwei möchte ich erwähnen. Zum einen besteht die gegenwärtige russische Führung vorwiegend aus früheren KGB-Offizieren und diese haben schlicht kein Interesse, dass die Verbrechen ihrer Organisation thematisiert werden. Zum anderen gibt es eine Verbindung zwischen der Diskussion über die Vergangenheit in den achtziger Jahren und dessen was die Russen mit dem Wirtschaftskollaps in den neunziger Jahren verbinden. Was hat es gebracht, darüber zu reden? Viele Leute sagten mir: Es führt uns ins nichts.

Das Regime greift diese Stimmung auf. Mehr als einmal haben Zeitungen wie Politiker die Diskussion über Verbrechen der Vergangenheit als Zeichen der Schwäche bezeichnet, etwas das die jetzige russische Führung keinesfalls möchte. Nur um ein Beispiel zu geben: Mein Buch über den GULag wurde in einer russischen Zeitung, die dem Mainstream zu zuordnen ist, lediglich im Zusammenhang mit feindlicher Spionage gegen Russland erwähnt. Ein Buch über den GULag ist folglich kein Beitrag zu einer populären Debatte, sondern eine Art äußerer Angriff auf die russische Psyche.

Welche Art von Geschichte findet offizielle Unterstützung? Schaut man sich das kürzlich herausgegebene Geschichtsbuch an, das Putin höchstpersönlich mit Pomp vorstellte, so lässt sich dieses wohl am ehesten als eine Art von selektiver Rehabilitierung der sowjetischen und stalinistischen Ära bezeichnen. Es gibt natürlich keine öffentliche Diskussion über den GULag, es gibt aber auch kein großes Interesse an der rasanten Industrialisierung, die Stalin ins Werk setzte, oder an der Kollektivierung auf dem Land. Stattdessen ist es Stalins Führung während und besonders am Ende des Krieges, die gefeiert wird: Die Phase der imperialen Eroberung als der sowjetische Kommunismus den westlichen Nachbarn aufgezwungen wurde.

Beispiele dafür gibt es zahlreiche. Die Mai-Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestages des Sieges von 1945 nehmen immer größere Ausmasse an. Im Jahr 2008 schwenkten einige Tausend russischer Soldaten in historischen Uniformen der Roten Armee sowjetische Fahnen und sangen heroische Lieder. Es existieren auch neue Bücher über den Krieg. Ganze Regale in Moskauer Buchläden, die bis vor kurzem kaum Geschichtsbücher hatten, sind nun voll davon. Die Deutung der Geschichte ist so mächtig geworden, das sie politische Konnotationen anzunehmen beginnt, vor allem im Hinblick auf Russlands Nachbarn insbesondere Polen und die baltischen Staaten. Ein Teil des Problems scheinen die Geschichte dieser Länder und insbesondere der Ribbentrop-Molotow-Pakt zu sein, weil sie das heroische Bild vom Krieg stören. Wladimir Putin selbst beschrieb die Invasion der baltischen Staaten und Ostpolens 1939 als eine Entscheidung, die seinerzeit durch das Wechselspiel der Kräfte und dem Bedürfnis nach Selbstverteidigung gerechtfertigt war. Eine Interpretation die in Schulbüchern wiederholt wird. Das gleiche Problem wird bei jeder Diskussion über 1945 offenbar. Die Russen verbinden das Kriegsende mit dem Sieg und der Befreiung, während Russlands Nachbarn sich an den Beginn einer neuerlichen Okkupation erinnern. Der Streit über diese Frage führte 2007 zu einem heftigen diplomatischen Schlagabtausch zwischen Russland und Estland.

Dies illustriert, was ich bereits früher gesagt habe, dass die russische Führung Geschichte zur Festigung ihrer brüchigen Legitimität nutzt. Warum Polen und Estland? Könnte es auch damit zu tun haben, dass sie unter den unmittelbaren Nachbarn Russlands die erfolgreichsten sind? Beide haben offene Marktwirtschaften und den Übergang vom Kommunismus zur westlichen Demokratie erfolgreich bewältigt. Estland mit seiner Stimulanz für Unternehmertum und Polen mit seiner Demokratie, in der sich die politischen Parteien unvorhersehbar an der Macht ablösen, bedrohen gleichsam Putins gelenkte Demokratie. Ein Regime, das per definitionem sich seiner langfristigen Unterstützung nicht sicher ist, hat die Existenz erfolgreicher Demokratien in Gestalt seiner Nachbarn zu fürchten

Noch entscheidender jedoch ist das Rühmen der sowjetischen imperialen Macht vor dem Hintergrund der jüngsten russischen Geschichte in den achtziger und neunziger Jahren. Putins Worte, wonach der Untergang der Sowjetunion die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts war und damit vor den Weltkriegen rangiert, sind berühmt. Die russischen Medien und der jetzige russische Präsident bedienen den gleichen Ton und betonen nun offen die Härten der neunziger Jahre. Nicht die Dekaden kommunistischer Vernachlässigung und des weit verbreiteten Diebstahls, sondern die vorsätzliche Einmischung des Westens, dessen Demokratie und die freie Marktwirtschaft geraten ins Zwielicht. Der Putinism, zu dem Medwedjew auf geradezu natürliche Weise passt, repräsentiert in der eigenen Interpretation die Rückkehr zur Stabilität und Sicherheit der kommunistischen Ära.

Ich behaupte nicht, dass der Stalinismus in Russland wiederbelebt wird. Die jetzige russische Regierung bedarf nicht des Grades an Repression um an der Macht zu bleiben – und muss zudem Gewahr sein, dass ein Einsatz von Gewalt ihrem Image und ihrer Legitimation nach innen wie nach außen schaden würde. Sie hat jedoch der positiven Erinnerung an Stalin neues Leben eingehaucht und wir sollten achtsam sein und uns selbst fragen warum.


Anne Applebaum (geb. 1964) – amerikanische Feuilletonistin der Washington Post und Slate. Sie ist auch Direktorin der Politischen Studien am Legatum Institute in London, wo sie Projekte zum Thema System- und Wirtschaftstransformation leitet. Ehemaliges Mitglied der Redaktion des Washington Post. Sie arbeitete auch als Auslandskorrespondention und stellvertretende Chefredakteurin beim Spectator in London, als Redakteurin der politischen Abteilung beim Evening Standard, sowie als Feuilletonistin bei einigen britischen Zeitschriften, darunter den Daily und Sunday Telegraphs. 1988-1991 arbeitete sie als warschauer Korrespondentin für den Economist.


 

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