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Zum Thema der Tagung „Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa – Erfahrungen der Vergangenheit und Perspektiven“

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Die Bukowina war seit 1849 eines der so genannten „Kronländer“ der multinationalen Habsburger Monarchie. Traditionelle Hauptstadt der Bukowina war ein in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts gegründeter, moldauisch-rumänischer Ort; ein Ort, der auf Deutsch den Namen Czernowitz – auch in der Schreibung Tschernowitz – trägt, auf Ukrainisch Tscherniwzi heißt, auf Russisch Tschernowzy, auf Rumänisch Cernăuţi und auf Polnisch Czerniowce. Heute ist die Stadt das Zentrum der ukrainischen Oblast Tscherniwzi.

Czernowitz steht für vielfältige Erinnerungen: Für die einen ist es das östlichste Zentrum österreichisch-deutscher Kultur, „eine bunte Stadt, in der sich das germanische mit dem slawischen, lateinischen und jüdischen Kulturgut durchdrang“, wie Rose Ausländer schrieb, für die anderen ist es die Stadt der „Todesfuge“ Paul Celans. Für wieder andere ist Czernowitz das durch Umsiedlung aufgegebene Zentrum der Bukowinadeutschen beziehungsweise ein – verlorenes – Zentrum rumänischen Geisteslebens. Für die meisten heutigen Bewohner ist Tscherniwzi eine nach den bleiernen Jahren der sowjetischen Herrschaft wieder auflebende Metropole der Ukraine.

Für sehr viele ist Czernowitz auch ein Ort der Erinnerung an das Zusammenleben von Ukrainern, Rumänen, Deutschen, Polen und Juden. Sie erinnern sich an die Zeiten der wechselseitigen Toleranz verschiedener Religionen und Kulturen im europäischen Geist, in dem man – wie Georg Drozdowski es formuliert hat – gut lebte „in jenen Tagen, in denen noch kein Satan die Unduldsamkeit eingeimpft hatte und keiner um seiner Sprache oder Rasse willen minderwertig war“; sie erinnern sich an einen Ort also, an den man sich zurücksehnt, noch mehr, den man herbeiwünscht. Insofern kann die Erinnerung an den Schauplatz Czernowitz emblematisch für das Thema der internationalen Fachtagung „Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa - Erfahrungen der Vergangenheit und Perspektiven“ stehen, die vom 11. bis 13. Januar 2008 im Warschauer Königsschloss stattfand.

Die Staaten Europas haben durch ihren Zusammenschluss in der Europäischen Union in vielen grundsätzlichen Fragen bereits Konsens erreicht, auch wenn zahlreiche Einzelheiten des künftigen Zusammenwirkens noch offen sind. Mit der politischen Einheit des Kontinents sind die Chancen gewachsen, dass die Menschen im östlichen und westlichen Teil Europas nicht nur voneinander erfahren, sondern sich selbst ein Urteil bilden und auf diese Weise näher zusammenrücken. Sie stellen nun nicht nur die Frage, wie die Zukunft gemeinsam gestaltet werden kann, sondern blicken auch zurück und fragen, welche Phasen der Vergangenheit ein gemeinsames Erinnern nötig machen. Erinnerung ist stets subjektiv, betrifft einzelne Menschen oder Gruppen, die ein Ereignis unmittelbar erlebt haben – etwa die Grausamkeit des Krieges oder die gewaltsame Auflösung gewachsener Strukturen und Identitäten bis hin zum Holocaust. Die Diskurse in und zwischen den Gesellschaften zeigen, dass es in Europa ein wachsendes Interesse für eine bestimmte Erinnerungskultur gibt, die Vergleiche zieht, Analogien entdeckt und insofern über Ländergrenzen hinweg zu verbinden vermag.

Es stellt sich heute die Frage, in welchen Bahnen eine bi- bzw. multilaterale gemeinsame Erinnerung in Europa verlaufen könnte. Wie kann aber insbesondere vor dem Hintergrund der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, vor den singulären, von Deutschen ganz besonders im östlichen Europa und in Polen begangenen Verbrechen des Nationalsozialismus eine gemeinsame Sprache gefunden werden, in welcher sich zum Beispiel Nachbarn gegenseitig ihre Geschichten erzählen und Erfahrungen austauschen? Wo liegen die gemeinsamen Erinnerungsorte? Gibt es sie überhaupt?

In Ostmitteleuropa gibt es zahlreiche Orte, die – ähnlich wie die Bukowina mit der Hauptstadt Czernowitz – von einer Vielfalt der Beziehungen von Ethnien und Konfessionen geprägt sind. Verschränkungen und Mehrfachkodierungen ein- und desselben Erinnerungsortes sind für Ostmitteleuropa charakteristisch. Beispielsweise verbinden Polen, Ukrainer, Juden, Slowaken, Deutsche, und Ruthenen mit Städten wie Pressburg/Bratislava/Pozsony oder Lemberg/Lwów/L’viv ganz unterschiedliche Assoziationen und Erinnerungen. Viele Regionen haben im Lauf der Jahrhunderte infolge eines Herrschaftswechsels, (Zwangs-)Migrationen der Bevölkerungen und konfessionellen Wandels eine doppelte oder gar mehrfache historische und politisch-kulturelle Identität erhalten. Auch historische Ereignisse und Umbrüche sowie die entsprechenden Jahreszahlen haben in jedem Land Mittel- und Ostmitteleuropas andere Bedeutungen und Inhalte und werden in unterschiedlichen Kontexten diskutiert. Die geschichtlichen Beziehungen ethnischer Gruppen manifestieren sich im kollektiven Gedächtnis der Nationen  unter anderem in Form unterschiedlicher Erinnerungen an mitunter ein und dieselben Erinnerungsorte.

Der Begriff „Erinnerungsort“, wie er hier verwendet wird, umschließt die Erinnerung an den konkreten, topographisch benannten Ort, also an eine bestimmte Stadt, eine Region, einen Fluss oder an einen anderweitig geographisch festgelegten Ort. Auch eine Gedenkstätte, ein Konzentrationslager, eine Grablege oder ein Denkmal sind Orte, die in besonderer Weise in der Erinnerung verankert sein können. Der Terminus „Erinnerungsort“ wird aber in einer noch weiter ausgreifenden, übertragenen Dimension als eine Metapher verwendet. Der französische Historiker Pierre Nora hat dafür den Begriff lieu de mémoire geprägt und meint damit, dass auch historische Ereignisse, Persönlichkeiten, Institutionen, Bücher, Kunstwerke und andere kulturelle Artefakte, geschichtliche Daten oder Begriffe – im übertragenen Sinn – Orte der Erinnerung sind. Gerade solche Erinnerungsorte im übertragenen Sinn sind oft „langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität“, wie es Étienne François und Hagen Schulze in dem von ihnen herausgegebenen Werk „Deutsche Erinnerungsorte“ beschreiben. Als Beispiele mögen die „Schlacht bei Tannenberg/Grunwald“, „Nikolaus Kopernikus“ oder die in der vorliegenden Dokumentation behandelten Erinnerungsorte „Katyń“ oder das „Jahr 1945“ gelten.

Indem die Tagung gerade auch solche gemeinsamen, metaphorischen „Erinnerungsorte“ in den Mittelpunkt stellt, stehen weniger konkrete historische Ereignisse oder ein bestimmter Sachverhalt im Zentrum des Interesses. Es geht gerade nicht darum, den Verlauf der Geschichte neu zu erforschen, zu rekonstruieren und sich womöglich auf ein objektives Ergebnis zu einigen. Im Mittelpunkt des Interesses stehen vielmehr die Erinnerung als Phänomen, das der permanenten Konstruktion unterliegt, mithin das Fortleben und die Veränderung individueller Erinnerung und des kollektiven Gedächtnisses an historische Ereignisse und Sachverhalte sowie der Diskurs darüber, warum Erinnerungen unter den europäischen Nationen so unterschiedliche Ausprägungen erhalten haben. Gerade das 20. Jahrhundert hat im Gefolge von totalitären Systemen, zwei Weltkriegen, durch Zwangsmigrationen und durch neue Grenzziehungen dazu geführt, dass viele Erinnerungsorte heute einen anderen Sinn erhalten und eine andere Bedeutungen gewonnen haben. Manche Orte sind fast nur noch in der Erinnerung, in „musealisierter Form“ vorhanden. Die Erinnerungslandschaft in Ostmitteleuropa kann man sich als ein Mosaik von Erinnerungsinseln vorstellen, die im Zeitalter des Nationalismus miteinander in Konkurrenz gerieten

Durch die Diskussion über gemeinsame Erinnerungsorte soll eine Erweiterung der Wahrnehmung und der Aneignung angeregt werden, indem die Chancen transnationaler Erinnerungsorte konstruktiv aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Denn geteilte Erinnerungsorte müssen nicht zwangsläufig antagonistisch sein, sondern können zur Überwindung der ihnen innewohnenden Gegensätze beitragen. 

Man muss sich davor hüten, aus falsch verstandener political correctness (neue) Stereotype zu produzieren. Demokratische Gesellschaften entwickeln ihre Bilder von der Vergangenheit unter anderem im Für und Wider gesellschaftlicher Diskurse; es besteht daher auch kein Bedürfnis, ein einheitliches, normiertes Geschichtsbild zu erfinden. Es geht im heutigen Europa, das endlich im Begriff ist, auch mental die unnatürliche Trennlinie des „Eisernen Vorhangs“ zu verarbeiten, vielmehr darum, unterschiedliche Geschichtsbilder und Erinnerungen zu vergleichen und somit für die Erinnerungen der jeweiligen Nachbargesellschaften wechselseitig Verständnis und Empathie zu wecken.

Der Umgang mit der gemeinsamen Vergangenheit ist seit etwa eineinhalb Jahrzehnten auch in der wissenschaftlichen Forschung stärker in den Mittelpunkt gerückt. Dabei wird ein Akzent auf die Betrachtung von Erinnerungsorten gerichtet – zuerst geschah dies im nationalen Rahmen, seit einiger Zeit richtet sich das Interesse auf übernationale, europäische Erinnerungsorte. In diesem Zusammenhang ist auch diese Dokumentation von Erinnerungsorten in Ostmitteleuropa zu sehen. Sie behandelt zwei wesentliche Aspekte, die sich in den folgenden beiden Fragen zusammenfassen lassen: In welchem Verhältnis steht die Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie sie heute von der wissenschaftlichen Forschung beschrieben wird, zur Erinnerung der nationalen Gemeinschaften an eben diese Geschichte und wie lassen sich die unterschiedlichen Erinnerungen der Menschen und Nationen zusammenführen und untereinander verbinden?

Im Folgenden werden materielle Erinnerungsorte und Erinnerungsorte im übertragenen Sinn thematisiert. Die Gliederung in: 1. Städte als transnationale Erinnerungsorte,  2. Orte der Erinnerung an totalitäre Systeme und 3. Historische Umbrüche im geteilten Gedächtnis –1944/45, 1956, 1968, 1980/81, 1989 orientiert sich an den Sektionen der Tagung.

Durch die Auseinandersetzung mit dieser Thematik können die verschiedenen Bedeutungen materieller und immaterieller Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa herausgearbeitet und Gemeinsamkeiten und Unterschiede verdeutlicht werden, um das Verständnis für die Erinnerungskultur des Anderen auszuprägen. Die Nation als klassische Erinnerungsgemeinschaft kann problematisiert und die wechselseitige Aneignung von transnationalen Erinnerungsorten befördert werden. Durch eine multiethnische Perspektive sollen Abgrenzungen und Verschränkungen sichtbar gemacht und ein Beitrag zu einer dialogischen Erinnerungskultur in Europa geleistet werden.


Prof. Matthias Weber (geb. 1961) - Historiker, Germanist. Seit 1999 ausserordentlicher Professor an der Universität Oldenburg. Seit Mai 2004 ist er Direktor im Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Mitglied des Steuerungsausschusses des Europäischen Netzwerkes Erinnerung und Solidarität.


 

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