Breslau – Identitäten und kulturelles Gedächtnis

17 August 2011
Norbert Conrads

Breslau ist als Erinnerungsort jünger, als es seine tausendjährige Stadtgeschichte vermuten läßt. Das Erinnerungsvermögen an seine mittelalterliche Vergangenheit war nur schwach ausgeprägt. Das mochte damit zu tun haben, dass sich die Stadt im Konflikt mit ihren Oberherren entwickelt hatte, einerseits dem Herzog bzw. König und andererseits in Auseinandersetzung mit dem Bischof.

Beide rivalisierenden Gewalten wurden von der Stadt systematisch marginalisiert. Es dominierte die Bürgerstadt mit ihrem Reichtum und ihrem städtischen Patriotismus. Die Formulierung eines besonderen Bewußtseins, um nicht zu sagen die Konstituierung eines kulturellen Gedächtnisses, geschah erst in der Zeit von Humanismus und Renaissance. Damit nahm Breslau an einer allgemeinen europäischen Entwicklung teil. Die Vorbilder dafür lieferten Italien, das Reich und die neuen Universitäten. Die reisenden Scholaren Breslaus brachten sie nach Hause.

 

Um Breslau als Erinnerungsort vorzustellen, sollen im Folgenden fünf Themen kurz skizziert werden: Breslauer Mythen – Wahrzeichen – Geschichtsbilder – Denkmale – und das Ende des deutschen Breslau.

1. Mythen

Die jüngere Geschichte Breslaus kannte ihre Mythen. Der Handstreich, mit dem Friedrich der Große 1741 die seit Jahrhunderten unbesiegte Stadt Breslau übertölpelte, mehr noch die legendäre Behauptung von Stadt und Land im Siebenjährigen Krieg. Die Schlacht von Leuthen 1757 entschied über den Besitz Breslaus und Schlesiens, aber der „Choral von Leuthen“ und andere borussische Manifestationen gaben den politischen Entscheidungen eine protestantisch-religiöse Weihe, an die in Breslau oft erinnert wurde, obwohl sie doch in seltsamem Kontrast zur Freigeisterei des preußischen Königs stand.

Das genannte Geschehnis konnte deshalb mythische Dimensionen annehmen, weil es mit der Überwindung schrecklicher Gefahren verbunden war. Nur einmal in seiner Geschichte genoß Breslau das Glück des großen politischen Augenblicks. Hier versammelten sich 1813 die politischen und geistigen Führer eines jungen Europa, um das Joch Napoleons abzuschütteln. Breslau war nicht nur die Bühne dieses Schauspiels, sondern die Begeisterung der zu den Waffen eilenden Breslauer Studenten übertrug sich auf die Stimmung der Befreiungstruppen und die politischen Hoffnungen des Vormärz. Dem Jahr 1813 mit dem königlichen „Aufruf an mein Volk“ und der Stiftung des Eisernen Kreuzes kommt unter den Breslauer lieux de mémoire eine besondere Bedeutung zu. Das fand seinen Widerhall darin, dass die Stadt die Gedenkorte an 1813 pflegte und sich an keines ihrer historischen Ereignisse lieber erinnerte als an dieses.

2. Wahrzeichen

Das von Karl V. 1530 der Stadt verliehene fünfteilige Wappen wurde 1536 an der Westseite des Rathauses eingelassen, danach bis in das 20. Jahrhundert an vielen städtischen Gebäuden. Es wurde zum Logo der Stadt, popularisiert in unzähligen Druckschriften, ja selbst auf den Kanaldeckeln. Das Traditionswappen des alten Breslau wurde erst mit einem Willkürakt des Gauleiters Josef Wagner 1938 beseitigt. Seine christlichen bzw. slawischen Bezüge entsprachen nicht mehr dem Geist der Zeit. Wagner dekretierte der Stadt ein neues geteiltes Wappen, dessen untere Hälfte das Eiserne Kreuz von 1813 zeigte. Es war wie ein Omen für die kommenden Jahre und blieb ohne Akzeptanz. Auch das danach im polnischen Breslau geltende Wappen war dechristianisiert. Es bleibt ein nicht hoch genug zu schätzendes Zeichen der Rückbesinnung und Historisierung, wenn Breslau 1990 unter seinem damaligen Stadtpräsidenten Bogdan Zdrojewski, dem Schirmherrn der Tagung „Erinnerungsorte in Ostmitteleuropa“, das alte Wappen von 1530 wieder annahm.

Bis zur Reformation galt der Breslauer Dom als das erste Bauwerk der Stadt, mit einigem Abstand die beiden Hauptpfarrkirchen, danach erst der profane Bau des Rathauses. Die protestantische Perspektive veränderte die Reihung. Der Dom geriet ins Abseits. Im Ringen um die optische Vorherrschaft über Breslau hatte die Stadt bereits in den achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts den einzigen Turm der Elisabethkirche auf beachtliche 130 Meter hochgezogen, so dass er 1529 unter seiner eigenen Last zusammenbrach. Er blieb auch danach mit seinen reduzierten 91 Metern die optische Bekrönung der Stadt.

Breslau wurde ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zur deutschen Großstadt mit imponierenden neuen Verwaltungsbauten, Kaufhäusern, Fabrikbauten, Wassertürmen und Brücken. Keiner dieser Bauten ließ sich mit dem kühnen Wurf der Jahrhunderthalle vergleichen, die 1913 zum Gedenken an 1813 errichtet wurde. Sie war ein avantgardistischer Bau, der wie kein anderer das moderne und demokratische Breslau repräsentierte. In der Weimarer Republik nannte man sie einen „Dom der Demokratie“. Das Dritte Reich erkannte ihre Möglichkeiten als Propagandabühne und nationale Weihestätte. Im Bewußtsein der Breslauer war die Jahrhunderthalle von Anfang an eines ihrer stolzen Wahrzeichen, gleichrangig mit dem Rathaus, dem Dom und der Universität. Alles andere trat dahinter zurück.

3. Geschichtsbilder

Als selbstbewusste große Stadt mit einer bildungsbeflissenen Elite verfügte Breslau über eine Schar von Bewunderern und Poeten, die ihm zu Diensten war. Das Lob Breslaus füllt kleine Anthologien, aber selten ging es über Gemeinplätze hinaus. Was besagte es schon, wenn Martin Opitz diese Stadt als „Blume Europas“ pries oder Kaiser Leopold sie „den edelsten Stein in seiner Krone“ nannte? Bereits die Stiftungsurkunde für die nie errichtete Universität von 1505 rühmte „die wunderbare und glückliche Beschaffenheit des Ortes […], die Trefflichkeit ihrer herausragenden Ordnungen“ und dass sie „durch Kultur und Bildung ihrer Bürger sämtliche Städte Deutschlands mit Leichtigkeit übertrifft“. Diesen Nachweis führten bald gelehrte Beschreibungen der Stadt, denen seit dem 18. Jahrhundert eine historische und heimatkundliche Fachliteratur folgte.

Der Historismus des 19. Jahrhunderts belebte den Sinn für städtische Traditionen und führte zur Gründung historischer Vereine und stadtgeschichtlicher Museen. Nunmehr begann man nachzuholen, was bis dahin kein Bild überliefert hatte. Der in Breslau geborene Adolph Menzel wusste in kongenialer Weise das Leben und die Welt des friderizianischen Preußen nachzuempfinden. Einige seiner bedeutendsten Werke, die sich heute in Berlin befinden, hingen einst in Breslau. Im Schlesischen Museum der bildenden Künste gab es dafür den „Ehrensaal für vaterländische Geschichte“, voller Historienbilder und Plastiken.

4. Denkmale

Im kollektiven Bewusstsein der Breslauer hielt sich lange die Erinnerung an die großen Unglücke der Stadt: bittere Winterkälte, Oderhochwasser, Heuschreckenplagen, Hungersnöte, Feuersbrünste, Pest und Cholera. Bilder davon sind ganz selten, aber man prägte Gedenkmedaillen, verfasste Gedichte und übernahm die Erinnerung in die mündliche Tradition. Beispielsweise jene Überlieferung, der zufolge der Weg zur Elisabethkirche mit Grabsteinen gepflastert war, unter denen die hingerichteten Aufrührer von 1420 lägen, deren schimpfliches Andenken die Breslauer mit Füßen traten. Ein Unglück des Jahres 1749 erschütterte im wahrsten Sinne die Stadt, die Explosion eines Pulverturmes mitten in Breslau, mit zahlreichen Toten und großen Zerstörungen.

Das Bedürfnis, an bedeutende Persönlichkeiten und Ereignisse mit Denkmälern zu erinnern, war erst eine Sache des 19. Jahrhunderts. Bis dahin trugen alle Straßen und Plätze nur Namen, die auf ihre Topographie, auf kirchliche Nachbarschaft oder die dort ausgeübten Handwerke verwiesen. Das änderte sich, als 1823 eine Kommission zur Revidierung aller Straßennamen und Hausnummern eingesetzt wurde. Jetzt begann die Welle der Umbenennungen, welche die Stadt vor allem mit preußischen Namen überzog.

5. Epilog

Breslau wurde mit Kriegsende ein Ort des Abschieds. Heimatverlust bedeutet mehr als nur materielle Enteignung. Es war das Herausreißen aus einem vertrauten Umfeld, aus sozialer Sicherheit, aus dem Netz von Familie und Verwandtschaft, von Häusern und Gräbern. Dieses Trauma mußten als erste die jüdischen Breslauer erfahren, die seit 1933 von den Nationalsozialisten in die Emigration gezwungen wurden, nicht zu vergessen jene etwa 8.000 jüdischen Breslauer, die seit 1941 deportiert wurden und einer gnadenlosen Vernichtung anheimfielen. Breslauer Bahnhöfe wurden zu lieux de mémoire, zuerst für die jüdischen, dann für alle anderen Breslauer. Der städtische Exodus begann Ende Januar 1945, bis dahin hatte ihn die politische Führung nicht zugelassen. Als die Bevölkerung schließlich doch zum Verlassen Breslaus aufgefordert wurde, geschah es überstürzt, planlos und bei tödlicher Kälte. Zehntausende stürmten den Hauptbahnhof beziehungsweise den Odertorbahnhof, um einen der rettenden Züge zu erreichen. Für viele gehören die Stunden, die sie in verzweifelter Not auf überfüllten Bahnhöfen verbrachten, zu den letzten Erinnerungen an Breslau. Die wenigstens ahnten, dass es ein Abschied für immer sein würde und ihnen Breslau nur noch als ein Ort schmerzlicher Erinnerung bleiben würde. Die in der Stadt ausharrten und die Festungszeit überstanden, befanden sich bald in einer fremden Stadt. Ihnen stand die Ausweisung bevor, an deren Ende Breslau eine Stadt ohne Deutsche war.

 


 

Prof. Norbert Conrads (geb. 1938) – deutscher Historiker. Bis 2003 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart und Leiter des Projektes „Die Geschichte von Schlesien“. Er ist Autor zahlreicher Untersuchungen im Bereich Bildung und Gesellschaftsgechichte Schlesiens.