Das Jahr 1956 – Eine Zäsur der ostmitteleuropäischen Geschichte
Schicksalsjahre, Wendejahre der europäischen, der allgemeinen Geschichte sind Themen von großem Interesse nicht nur für Historiker, sondern selbstverständlich auch für Politiker, für Pädagogen und auch für die schwer erfassbare aber allseits präsente allgemeine Erinnerungskultur. 1956 ist ohne Zweifel so ein Jahr, das im Folgenden thesenartig beleuchtet werden soll.
1. Direkter Weg von 1956 bis 1991?
Ein Grundproblem des kollektiven Gedächtnisses an 1956 ist der Umstand, dass dieses Datum in den Jahren der politischen Umwälzung 1989–91 ein Symbol des antisowjetischen, antikommunistischen Widerstandes war. Ungarn und Polen 1956, die Tschechoslowakei 1968, Polen 1980–81 sowie die Ereignisse in der DDR, in den Baltischen Sowjetrepubliken, in der Tschechoslowakei, in Bulgarien, in Rumänien, in Ungarn und in Jugoslawien wurden 1989 als Teile eines teleologischen Prozesses sowie als Vorgeschichte des Zusammenbruches der UdSSR wahrgenommen. Die Vorstellung einer unabwendbaren Entwicklung (von der Diktatur zur Demokratie, von der Staatspartei zum Mehrparteiensystem, von der zentralisierten Planwirtschaft zur liberalen Marktwirtschaft) war für die Beteiligten zweifellos inspirierend. Nach der kurzen Zeit der Euphorie zeigten sich jedoch grundlegende Unterschiede zwischen den Umbrüchen in diesen Ländern, was wiederum die grenzübergreifenden Erfahrungen minimiert und eine Verständigung über bestimmte Ereignisse erschwert.
Was die Interpretationen des Jahres 1956 betrifft, sind vor allem die elementaren Unterschiede zwischen Ungarn und Polen von Belang. In Polen wurde Chruschtschows ”Geheimrede“ auf dem XX. Parteitag der KPdSU offiziell verbreitet und spielte eine inspirierende Rolle im Entstalinisierungsprozess. Der nach über dreijähriger Haft 1954 freigelassene Reform-Kommunist Władysław Gomułka war im Herbst 1956 über alle Maßen populär. Trotz der baldigen Enttäuschung der polnischen Gesellschaft über ihn konnte sich Gomułka 1956–57 als Retter nationaler Interessen in einer Situation, in der die Sowjetunion kurz vor dem Einmarsch stand, darstellen. Der ungarische Ministerpräsident Imre Nágy hingegen war nicht in der Lage, den Lauf der Ereignisse nachhaltig zu beeinflussen, sein Heldenimage ist nicht primär mit seiner Leistung im Revolutionsjahr 1956 sondern eher mit seinem Märtyrertod verbunden. Wären er und andere Personen nicht hingerichtet worden, wären sie nie zu Symbolen des Freiheitswillens einer kleinen mitteleuropäischen Nation im sowjetischen Hegemonialbereich geworden.
2. Patriotismus und Kommunismus
Ein zweites Grundproblem tangiert das Verhältnis von Patriotismus und Kommunismus. Kann sich ein Kommunist patriotisch verhalten? Oder ist ein Patriot per definitionem kein Kommunist? György Litván unterscheidet zwischen zwei links gesinnten (Reformsozialisten und nationale Demokraten) und zwei rechts gesinnten (nationale Konservative und radikale Rechte) Lagern, die misstrauisch gegenüber der Sowjetunion waren und den schnellstmöglichen Abzug der sowjetischen Truppen aus Ungarn forderten. In dieser kurzen Sternstunde der ungarischen Geschichte teilten Kommunisten und Antikommunisten – trotz aller internen Strömungen – die Kritik am sowjetischen Imperialismus. Im Kampf um die Erinnerung an 1956 versuchen viele Antikommunisten, sämtliche Kommunisten als Diener der Sowjetinteressen zu zeichnen. Eine Gruppe polnischer und ungarischer Kommunisten betrachtet 1956 andererseits als einen reformkommunistischen Versuch nationaler Prägung zur Bewahrung sozialistischer Werte frei von stalinistischer Willkür. In demselben Kampf nennen andere ungarische Kommunisten 1956 eine „Konterrevolution” zur Restauration des erzkonservativen Regimes aus den Jahren 1919–1944. In den offiziellen ungarischen Darstellungen bis 1989 war hingegen von einem mit Hilfe der sowjetischen Truppen abgewendeten Bürgerkrieg die Rede.
Nach 1972 versuchte Janos Kádár den Begriff „Konterrevolution” durch „nationale Tragödie” zu ersetzen, jedoch blieb ersterer Begriff Teil des parteioffiziellen Sprachgebrauchs bis zum 28. Januar 1989. An diesem Tag sprach Imre Pozsgay im Politbüro erstmals von 1956 als einem berechtigten Volksaufstand. Diese Äußerung war umso bedeutsamer, als die Einreihung in die Linie positiver ungarischer Traditionen zum Kern einer “Gegenerinnerung” und mithin der historischen Delegitimierung des Kádár-Regimes geworden war. Diese gründliche Umwertung von 1956 wurde zugleich zur erinnerungspolitischen Voraussetzung für die Verhandlungen zwischen Vertretern der oppositionellen Gruppen und den Machthabern. Auf diese Weise kam es zu einer Reihe von symbolischen Ereignissen: Der am 16. Juni 1958 hingerichtete Imre Nágy wurde gemeinsam mit anderen Opfern am 16. Juni 1989 feierlich bestattet. Am 23. Oktober 1989, dem 33. Jahrestag des Ausbruchs der Revolution, wurde die „Volksrepublik” Ungarn zur Republik ausgerufen und damit in die demokratische Tradition Ungarns eingereiht. Viele Jahre später, als Imre Mécs, ein Verhandlungsteilnehmer auf Seiten der Opposition, gefragt wurde, wer diese Verhandlungen möglich gemacht und ihre Teilnehmer gewählt habe, war seine Antwort knapp und eindeutig: die Massen auf dem Heldenplatz von Budapest am 16. Juni 1989.
3. 1956 und das Ansehen der Sowjetunion
Das dritte Problem betrifft die Rolle von 1956 für das weltpolitische Ansehen der Sowjetunion. Aus der Perspektive von 1989 ist 1956 oft als der Anfang vom Ende der Sowjetunion dargestellt worden, wobei auf die Ereigniskette über Tschechoslowakei 1968 und Polen 1980 bis zur Auflösung der Sowjetunion am 25. Dezember 1991 Bezug genommen wird. Die historische Bedeutung dieses Jahres betrifft hingegen nicht zuletzt die dritte Welt. Das Verhalten der Großmächte Großbritannien, Frankreich, Sowjetunion und Vereinigte Staaten im Verlauf der Krisensituationen des Jahres 1956 (Polen, Ungarn, Suez) war ausschlaggebend vor dem Hintergrund ihrer Positionen als koloniale Mächte bzw. als globale Spieler. Die Unterstützung des Entwicklungslandes Ägypten gegenüber dem britischen und französischen Imperialismus hat die Glaubwürdigkeit der Sowjetunion nicht nur unter den Ländern der „Dritten Welt“ erhöht.
Die USA haben im Interesse der Befreiung der „captive nations” nicht viel getan, lediglich die Eindämmung der kommunistischen Expansion (containment) haben sie ernst genommen. Die Sowjetunion zeigte sich nicht ohne Erfolg als Freund der antikolonialen, hauptsächlich afrikanischen Länder. Bis Ende der sechziger Jahre erlangten 31 afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit. Ein Prozess, der der Sowjetunion zu weltweitem Ansehen verhalf, wogegen das Bild des Unterdrückers des ungarischen Freiheitskampfes verblasste. Der Dekolonisationsprozess war eine Frontlinie des Kalten Krieges, an der Änderungen möglich waren, in der ostmitteleuropäischen sowjetischen Machtsphäre konnte davon seinerzeit keine Rede sein.
4. 1956 als kulturelle Zäsur
Das Jahr 1956 stellte eine kulturelle Zäsur dar. Anders als in der politischen Sphäre nahm die sowjetische Kontrolle in der kulturellen mit dem Tauwetter in Ostmitteleuropa allenthalben ab. Die brutale Unterdrückung der ungarischen Revolution hat den kommunistischen und sozialdemokratischen Parteien in Westeuropa viel geschadet. Weniger bekannt ist die Enttäuschung über Amerika als potentiellen Unterstützer der “gefangenen Nationen”. Für die so genannte 68er-Generation führte diese Enttäuschung unter anderem zu einer Umwertung des Begriffes des “Westens” zugunsten einer stärker kulturellen Konnotation. Die Erfahrungen von 1956 zeigten, dass in der politisch bipolaren Welt und ohne die Möglichkeit von grundlegenden politischen Veränderungen die Kultur trotz stark bewachter Grenzen Brücken offen zu halten vermag.
Für die nach 1956 aufgewachsenen ostmitteleuropäischen Generationen bedeutete der Westen weniger IBM, de Gaulle oder Kennedy, als vielmehr Hemingway, Sartre, Pasolini, aber auch Brigitte Bardot und Salingers „Fänger im Roggen“. Zu jenen, die die kulturellen Brücken zwischen Ost und West mit offen hielten, gehörten Schostakowitsch, Wajda, Gombrowicz, Örkény, Heym oder Kundera – um nur einige namhafte Persönlichkeiten des kulturellen Lebens zu nennen. Nach dem Tauwetter war eine Rückkehr zur Abgrenzung oder gar zu den „sozialistisch-realistischen“ Mustern nicht mehr ohne weiteres möglich.
5. Folgerungen
Das Jahr 1956 war eine Zäsur für alle Gesellschaften des Sowjetblocks: Die Ereignisse in Polen und Ungarn strahlten auf die Länder Ostmitteleuropas aus und animierten zum Widerspruch. Die Erinnerung an 1956 lehrte, dass Veränderungen und Modifikationen des sowjetischen Systems im Machtzentrum genau so möglich sind, wie in den Satellitenstaaten der Versuch einer gewaltsamen Befreiung von der sowjetischen Hegemonie hingegen unausweichlich Gewalt nach sich zog, und dass sich die Zweipoligkeit der Welt mit den jeweiligen Interessensphären der beiden Supermächte politisch, nicht jedoch kulturell, verfestigte. Die Erinnerung an 1956 hatte wenig Einfluss auf die Programme der Reform- und Protestbewegungen des „Prager Frühlings“ oder der Solidarność, sie wurde vielmehr zum Menetekel für den umfassenden Herrschaftsanspruch der Moskauer Führung und ihrer lokalen Machthaber. 1956 war zweifellos eine Zäsur, die über Ostmitteleuropa hinausreichte, jedoch nur bedingt zur Konstituierung einer kollektiven europäischen Erinnerung. Zu vielfältig waren die Ereignisse und zu unterschiedlich die Erfahrungen in Ost und West.