Das Jahr 1989 – Ein europäischer Erinnerungsort
Das Jahr 1989 – der ostmitteleuropäische Völkerherbst – hat zwar den Kontinent fundamental verändert. In unserem Bewusstsein steht der Herbst dieses Jahres aber eher für das Ende einer Epoche denn für den Beginn einer neuen.
Am 6. Juli 1989 hielt Michail Gorbatschow eine Rede in Straßburg vor dem Europarat und teilte seinen Zuhörern mit, die Sowjetunion werde Reformen in Osteuropa nicht im Wege stehen. Nachdem die Metropole eines Imperiums so öffentlich erklärt hatte, dass sie nicht an den Randgebieten ihrer Einflusssphäre festhalten werde, festhalten könne, – und als dies weltweit bejubelt worden war –, war es nur noch die Frage einer überschaubaren Frist, wann die Statthalter des Imperiums in Warschau, Budapest, Ost-Berlin, Prag und Bukarest fallen würden.
Offen blieb freilich, wie und wohin sie fallen würden. Offen blieb auch, ob Jaruzelski, Honecker, Jakeš, Ceauşescu und Kádár ihre Machtmittel, über die sie zweifellos noch verfügten, einsetzen würden. Welche Folgen das Gewaltszenario haben konnte, wurden den Ostmitteleuropäern am 4. Juni 1989 vor Augen geführt, dem Tag als Chinas kommunistische Machthaber Hunderte friedlicher Demonstranten auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ niederschießen ließen. Genau an dem Tag als in Polen die ersten halbfreien Wahlen stattfanden. Auch wegen des abschreckenden Beispiels vom Platz des himmlischen Friedens vermieden die Männer und Frauen der Opposition des Jahres 1989 auf dem europäischen Schauplatz ganz bewusst die Gewalt. In den Jahrzehnten ihrer Herrschaft hatten die kommunistischen Regime durch Androhung und Anwendung von Gewalt ihren Kredit verspielt. Trotz aller Waffen, die die Regimes besaßen, haben sie ihre Bürger unfreiwillig gelehrt, wie untauglich es ist, Gewalt anzuwenden.
Die kommunistischen Staatsparteien in Ostmitteleuropa verfügten zwar 1989 noch über die Machtmittel, doch es fehlte ihnen an einer starken Führung. Nur eine solche, die sich nicht scheute, Blut zu vergießen, hätte diese Machtmittel benutzen können. 1989 waren sich die Führungen der kommunistischen Parteien des „Ostblocks“ ihrer Parteibasis, ihrer Sache und vor allem ihrer selbst nicht mehr sicher, um dem revolutionären Aufbegehren der Bevölkerung ihrer Länder noch etwas entgegensetzen zu können. Abneigung gegen Gewalt war alles, was viele Revolutionäre von 1989 gemeinsam hatten. Sie waren eine ungewöhnlich gemischte Gruppe. Sie bestanden nicht selten aus Reformkommunisten, Sozialdemokraten, liberalen Intellektuellen, Nationalisten, Marktwirtschaftlern, kirchlichen Aktivisten, Gewerkschaftlern, Pazifisten, einigen traditionellen Trotzkisten und vielen anderen. Diese große Vielfalt war ein Teil ihrer Stärke und Gift für den Einparteienstaat.[1]
Die weitgehende ideologische Ähnlichkeit der Länder im sowjetischen Herrschaftsbereich führte dazu, dass die Gefährdung oder der Sturz der kommunistischen Führung in einem Lande unweigerlich die Legitimität der anderen schwächte. Es ist wohl ein Wesenszug von Revolutionen, dass sie die Legitimität der herrschenden Macht durch das kumulative Beispiel zersetzen. Das Neue an 1989 war das Tempo dieses Vorgangs. Das Ihre zur Beschleunigung und Unumkehrbarkeit der Entwicklung trugen die Massenmedien bei. Besonders die Ungarn und Tschechen waren in der Lage, ihre eigene Revolution jeden Abend in den Fernsehnachrichten zu sehen. Die Ostdeutschen beschlich beim allabendlichen Konsum des Westfernsehens nicht mehr der Wunsch, auszuwandern, sondern das Gefühl, Subjekt des Geschehens zu sein. Seien es die Bilder von der Exhumierung und Umbettung von Imre Nágy am 16. Juni 1989, von den Leipziger Montagsdemonstrationen am 9. Oktober 1989, oder die Bilder der demonstrierenden Prager Studenten am 17. November 1989.
Dieses erhabene Gefühl, die Wiedererlangung der eigenen Würde, welches die Polen 1980 erstritten und enthusiastisch zelebriert haben, wurde nun für Tschechen, Slowaken, Ungarn und in besonderer Weise für Ostdeutsche nachvollziehbar. Innerhalb von Tagen verloren die kommunistischen Regimes das, worauf sie peinlich und mit stets wiederkehrenden Restriktionen achteten – ihr Informationsmonopol. Die Furcht, allein zu sein, die oppositionelles Engagement gerade in der DDR und der Tschechoslowakei zu einem ungewissen und zermürbenden Unterfangen machte, war für immer dahin.
In Polen allerdings sind die Veränderungen des Jahres 1989 nicht der Erinnerungsort überschäumender Freude und emotionaler Ergriffenheit geworden. In den Gesprächen am „Runden Tisch“ zwischen einem Großteil der Opposition und der Machtelite ging es nicht mehr darum, ob letztere die Macht abgeben bzw. teilen werde, sondern vor allem auf welche Weise dies angesichts einer verheerenden Wirtschaftslage geschehen würde. Sachbezogenheit und Verhandlungsgeschick waren dabei eher gefragt als revolutionärer Furor.
Bei den Oppositionsgruppen der DDR stieß der „Runde Tisch“ als originär polnische Erfindung auf reges Interesse und wurde als nachahmeswertes Beispiel wahrgenommen und praktiziert, ein Umstand, der in Polen weitgehend ausgeblendet wird. Um den „Runden Tisch“ in Polen gab und gibt es Kontroversen. Die Vertreter der radikalen Opposition kritisierten, am Runden Tisch sei ein unzulässiges Einvernehmen mit dem Feind bekundet worden. Diese Kritik wird immer wieder erneuert, in den letzten Jahren sogar mit größerer Vehemenz.
Das Jahr 1989 wäre nicht hinlänglich beschrieben, ohne auf die deutsche Wiedervereinigung und die eingeschliffenen internationalen Wahrnehmungen und Gewohnheiten einzugehen. Diese wurden in diesem Revolutionsjahr massiv und keineswegs zur Freude mancher europäischen Regierungen in Frage gestellt. Was war geschehen? Bis 1989 war es allgemeiner Konsens in Westeuropa, dass sich die deutsche Frage erst dann stelle, wenn die politischen Voraussetzungen erfüllt, sprich eine europäische Friedensordnung geschaffen sein würde. Die Realität sah gründlich anders aus.
Frankreich und Großbritannien waren alarmiert über eine vermeintlich unkontrollierte 80-Millionen-Macht. Für die frisch gewählte Regierung Mazowiecki bot die deutsche Wiedervereinigung die Chance, die alten Verpflichtungen im Warschauer Pakt behutsam durch souveräne Beziehungen und neue Partnerschaften mit dem Westen zu ersetzen. Die Sympathie der neuen polnischen Regierung für die demokratische Bundesrepublik wurde durch Helmut Kohls Zehn-Punkte-Plan zur Wiedervereinigung im Dezember 1989 auf eine schwere Probe gestellt, da die Oder-Neiße-Grenze dort ausgespart blieb. Der Vertrag von 1970 galt nur für die alte Bundesrepublik, nicht aber für das vereinigte Deutschland.
Gorbatschows Zustimmung zum vereinten Deutschland und dessen Zugehörigkeit zur Nato, resultierte im Wesentlichen aus der Überlegung, dass man die DDR und Mitteleuropa aufgeben musste, um sich auf die Gesundung der Sowjetunion zu konzentrieren und dafür die Hilfe des Westens zu gewinnen. Was bleibt, sind sein Mut und seine strategische Leistung.
Bis heute ist der Epochenumbruch des Völkerherbstes nicht zum Gründungsmythos geworden – weder des vereinigten Deutschlands noch der III. Polnischen Republik, noch des erweiterten Europas. Jürgen Habermas hat die Vorgänge des Jahres 1989 einst als „nachholende Revolution“ gedeutet, also den Versuch, Anschluss an zivilisatorische und verfassungsrechtliche Entwicklungen zu gewinnen, die im Westen längst abgeschlossen waren. Diese institutionelle Betrachtung verkennt die häufig andersartigen Erinnerungen, Erfahrungen und Sozialisationen in Ost- und Westeuropa, die originären emanzipatorischen Leistungen vom Volksaufstand am 17. Juni 1953 bis zur Solidarność 1980/81, aber auch die unzähligen Zeugnisse einzelner Menschen und kleiner Gruppen – Beispiele von Selbstbehauptung und abgetrotzter Gewissensfreiheit und von erkämpften Menschen- und Bürgerrechten sowie von Leistungen der gesellschaftlichen Selbstorganisation abseits der parteistaatlichen Machtstrukturen.
Auch wenn der Kontinent nunmehr politisch die Jalta-Ordnung, jene Spaltung in einen diktatorischen Osten und einen demokratischen Westen als Folge des Zweiten Weltkriegs, überwunden hat, so wirken die Erinnerungskulturen von Ost- und Westeuropa nach wie vor nebeneinander, nicht selten gegeneinander, so als hätten sich die Zumutungen des Lebens hinter dem Eisernen Vorhang tiefer, als in westeuropäischen Hauptstädten für möglich gehalten, im Gedächtnis der Ostmitteleuropäer eingeprägt. Nach Auffassung von Ralf Dahrendorf ist „1989“ im deutschen intellektuellen Bewusstsein weder ein tiefer Einschnitt wie in dem des übrigen Europa noch ein Moment des Aufatmens ob des Triumphes der offenen Gesellschaft. In Absetzung von dieser Auffassung sieht Dahrendorf „1989“ nicht nur eine globale Zäsur, er glaubt auch, dass „1989“ als Gründungsmythos für das neue Europa taugt.[2]
Ein Rückblick auf das Wirken ostmitteleuropäischer Männer und Frauen im Jahre 1989 ist in besonderer Weise geeignet, um als sinnstiftendes Beispiel für die Verwirklichung der Zivilgesellschaft in Europas Freiheitsgeschichte aufgenommen zu werden. „1989“ sollte als fester Erinnerungsort neben anderen Ereignissen, in einer europäischen Erinnerungskultur verankert werden. „1989“ stellte eine revolutionäre Volksbewegung für den demokratischen Verfassungsstaat dar. Sie zielte auf die Überwindung von Grenzen und belegte, dass es sich immer und überall lohnt, die Würde und die Freiheit des Einzelnen zu behaupten und zu verteidigen. Das Jahr 1989 ist ein europäischer Erinnerungsort, weil er Europa in der heutigen Gestalt erst möglich machte.
1 Vgl. Peter Bender, Deutschlands Wiederkehr. Eine ungeteilte Nachkriegsgeschichte 1945–1990, Stuttgart 2007, S. 229 f.
2 Ralf Dahrendorf, Der Wiederbeginn der Geschichte. Vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak. Reden und Aufsätze, München 2004, S. 213.
Dr. Burkhard Olschowsky (geb. 1969 in Berlin) studierte Geschichte und die Geschichte Osteuropas in Göttingen, Warschau und Berlin. 2002 erwarb er an der Humboldt-Universität in Berlin seinen Doktortitel. 2003-2005 arbeitete er als Vertragsdozent im Bereich zeitgenössischer Geschichte und Politik an der Humboldt-Universität in Berlin. In den Jahren 2004-2005 war er im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung tätig. Seit Mai 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter in Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. Seit 2010 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im ENES-Sekretariat.