Das ukrainische L’viv seit 1991 – Stadt der selektiven Erinnerung
Die Geschichte der westlichen Ukraine und die des ehemaligen Galizien sind komplizierter als die der übrigen Ukraine. Galizien war Bestandteil mehrerer Staaten und Mächte. Nach der Gründung der Stadt Lemberg durch Fürst Danylo im Jahr 1256 gehörte das Gebiet 400 Jahre zu Polen und anschließend 146 Jahre zur Habsburgischer Monarchie (1772–1918). Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Region Teil des unabhängigen Polens, 1939/1941 kamen die sowjetische und die nationalsozialistische Eroberung und über fünf Jahrzehnte die Eingliederung in die UdSSR, bevor 1991 die Ukraine unabhängig wurde.
In den dreißiger Jahren lebten in der Dreivölkerstadt Lemberg/Lwów 51 Prozent Polen, etwa ein Drittel Juden und 16 Prozent Ukrainer. Nach der Vernichtung der Juden und der Vertreibung der polnischen Bevölkerung stand Lemberg praktisch zu 85 Prozent leer. Die Stadt wurde von russischen/sowjetischen Beamten, Militärs und ukrainischen Bauern in Besitz genommen. Die Vergangenheit dieser Stadt als Wiege der ukrainischen Nationalbewegung wurde erst mit der Unabhängigkeit der Ukraine offengelegt. Heute ist sie als Zentrum der westlichen Ukraine im Kontrast zu dem stark russifizierten Osten des Landes ein Hort der ukrainischen Identität. Daraus entstanden antagonistische Geschichtsschreibungen, unvereinbare „nationale Gedächtnisse“, unüberbrückbare Versionen von Geschehnissen, Helden und Märtyrern.
Bei ihrer Suche nach einem verbindenden Narrativ einer kontinuierlichen ukrainischen Vergangenheit ehrten die Lokalautoritäten in Lemberg nach 1991 verschiedene Persönlichkeiten durch Straßenumbenennungen, die Errichtung von Denkmälern, Gedenktafeln oder durch öffentliche Feiern. Die maßgeblichen Vertreter der ukrainischen Literatur wie der Dichter Taras Shevtchenko oder der Schriftsteller und Freiheitskämpfer Ivan Franko waren schon unter dem sowjetischen Regime als Träger der Kultur des ukrainischen Volkes verehrt worden. Der Führer der Kosakenaufstände im 17. Jahrhundert, Bohdan Khmelnits’kyj, gehört auch zum Pantheon des sowjetisch-ukrainischen Gedenkens, obwohl er, die damals polnische Stadt belagert und nicht verteidigt hatte. Die Anlehnung an große historische Figuren wie die Nationalhistoriker Mykhajlo Hrushovskyi oder Mykhajlo Drahomanov zielt auf eine pan-ukrainischen Identität. Die Stadt hat darüber hinaus dazu beigetragen, eine lokale Tradition zu schaffen, die auf der partikularen Geschichte Galiziens (Halytschyna auf Ukrainisch) beruht. Diese Konstruktion fußt auf komplexen Prozessen der Umkehr, der Aufwertung, der Rehabilitierung, aber auch des Verschweigens von Geschichtsereignissen und -verläufen.
Ein erstes Charakteristikum dieser Politik ist die Vergegenwärtigung der Stadtgeschichte, unter fast völliger Abstinenz vom polnischen, jüdischen und auch sowjetischen/russischen Teil dieser Geschichte. Die Altstadt Lembergs ist ein Juwel der Renaissance wie auch der späteren Architektur unter dem Einfluss der Wiener und der Krakauer Sezession. Doch ist dies praktisch nirgendwo öffentlich zu lesen. Heute sind von dieser Vergangenheit nur einige Spuren geblieben: Jiddische oder polnische Aufschriften kommen unter der blättrigen Farbe manchmal wieder zum Vorschein. Nirgends wird von den Lokalbehörden offiziell des Mordes an den 160.000 Juden durch die Nazis oder die Deportierung der über 100.000 Polen 1945/46 erinnert. Das Denkmal für die Opfer des Ghettos in Lemberg wurde 1992 aus privaten Geldern errichtet.
Alles, was an die sowjetische Präsenz in der Stadt erinnert, musste auch verschwinden. Ähnlich wie in Riga und in anderen Städten des Baltikums wurden manche Denkmäler der Roten Armee abgetragen. Russische Schulen wurden geschlossen. Die Puschkin- und die Lermontovstraße mussten in einem Viertel weichen, wo die Straßen nach Vertretern der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) umbenannt wurden.
Die zweite Charakteristik dieser Geschichtspolitik ist die Schaffung eines ukrainischen nationalen Kontinuums, in einer Stadt, die eigentlich erst ab 1945 ukrainisiert wurde und deren ukrainische Kontinuität es praktisch nicht gibt. Diese erfundene Kontinuität fängt bei Danylo, dem galizischen Fürsten des 13. Jahrhunderts an und reicht bis zu dem ukrainischen Popsänger Ihor Bilozir, der im Jahr 2000 von Russen erschlagen wurde. So gelangt man von der drei Monate existierenden Westukrainischen Volksrepublik, die am 9. November 1918 in L’viv ausgerufen wurde, bis zum „Akt“ des 30. Juni 1941, durch welchen die ukrainischen Nationalisten der OUN Stepan Bandera und Jaroslav Stec’ko, die mit der Wehrmacht einmarschiert waren, die Unabhängigkeit der Ukraine erklärten, die jedoch nur wenige Tage von NS-Deutschland geduldet wurde.
Ultranationalisten, Rechtsextremisten und Kollaborateure der Nazis werden rehabilitiert, da sie gegen die Russen kämpften. Das Museum für Stadtgeschichte hat seine Räume unter dem Titel „Bestrebungen der Ukrainer nach Befreiung und Unabhängigkeit“ neu gestaltet. Dort werden kritiklos Theoretiker eines radikalen, faschistischen Nationalismus wie Dmytro Doncov, Mitglieder der ukrainischen Wehrmachtsbataillone „Nachtigall“ und „Roland“ und der SS-Division Galizien, zu der sich bis zu 80.000 ukrainische Freiwillige melden wollten, als Helden dargestellt. Zwei Persönlichkeiten der OUN/UPA werden hervorgehoben: Stepan Bandera, in Polen in erster Linie als Mörder wahrgenommen, für den 2007 ein monumentaler Memorialkomplex neben der Elisabeth-Kirche errichtet wurde, und Roman Shukhevytch, den Kommandanten des Bataillons „Nachtigall“.
Neu sind seit 2006–2007 die Veränderungen bei der Benennung jener militärischen Einheiten, die mit den Nazis kollaborierten, indem die deutschen Benennungen jetzt den ukrainischen weichen. Das Wehrmachtsbataillon „Nachtigall“ erscheint jetzt als „DUN“ (Druzhyna ukraïnskikh nacjonalistiv, Legion der ukrainischen Nationalisten), und die SS-Division „Galizien“ als „U.D. Halytschyna“ (Ukraïnska Divizja Halytschyna) oder „Erste U.D. Halytschyna“. Zu diesem Zweck wurden den ausgestellten Uniformen die Totenköpfe, Borten, Spiegel und Dienstabzeichen der SS entfernt und die Museumsexponate auf diese Weise verharmlost.
Das dritte Charakteristikum der Erinnerungspolitik an die Stadt Lemberg ist die Erfindung eines neuen Märtyrertums. Im Kontext der „Konkurrenz der Opfer“ geht es darum, Märtyrer zu finden, die dem Altar der nationalen Erinnerungskonstruktion genügen. Diese Viktimisierung hat in der Ukraine als wichtigsten Bezugspunkt die große Hungersnot („Holodomor“) der Jahre 1932–1933, um deren internationale Anerkennung als „ukrainischer Holocaust“ sich die Regierung stark bemüht. In Lemberg sind vor allem die Massaker im Gedächtnis präsent, die vom NKWD in den letzten Tagen vor dem deutschen Einmarsch im Juni 1941 in den Lemberger Gefängnissen verübt worden sind. Der NKWD erhielt damals den Befehl, die politischen Gefangenen ins Innere der UdSSR abzutransportieren oder sie zu liquidieren. Bei dem schnellen Einmarsch der Deutschen wurden über 4000 Personen in den Gefängnissen erschossen. Seit 1991 können diese Gräuel wieder benannt werden. Die städtischen Behörden sowie Opferorganisationen errichteten mehrere Denkmäler zu diesen tragischen Ereignissen. Auf den neuen Denkmälern findet sich jedoch kein Hinweis auf die grausamen Pogrome, die nach dem Einmarsch der Wehrmacht auf den Straßen stattfanden und von einem rachesüchtigen Mob, der ukrainischen Hilfspolizei und ukrainischen Nationalisten an der jüdischen Zivilbevölkerung unter Aufsicht der Nazis verübt wurden.
Die Zusammenlegung der Helden des Nationalismus und der Opfer des Stalinismus in einem gemeinsamen Mausoleum kommt einer Sakralisierung des ukrainischen Leidens gleich. Das Mausoleum wurde 2006 auf dem Łyczaków-Friedhof eingeweiht. Dieser neue Teil des Friedhofes wurde so angelegt, dass er den polnischen Militärfriedhof des Ersten Weltkrieges (Cmentarz Lwowskich Orląt) überragt und somit symbolisch verdrängt. Auf diesem Erinnerungsort werden wiederum das Bataillon „Nachtigall“ und die SS-Division „Galizien“ („Erste U.D. Halytschyna“) gewürdigt. 2006 verkündeten die städtischen Behörden ihr Vorhaben, Stepan Bandera, Yevhen Konovalets, Andriy Melnyk und andere Führer der OUN/UPA dorthin umzubetten.
Lemberg ist von einem regelrechten Erinnerungsfieber ergriffen. Wobei eine selektive Erinnerungspolitik und Musealisierung zum Tragen kommt. Allein die ukrainische Wiedergeburt und das ukrainische Leiden werden thematisiert. Das multikulturelle Erbe der Stadt wird hingegen vergessen und verdrängt.
Wie werden sich die polnischen, deutschen, amerikanischen und jüdischen Touristen in dieser Denkmäler-Landschaft mit ihren Narrativen wiederfinden? Wie kann diese Politik mit der erwünschten Integration der Ukraine in Europa zusammenpassen? Werden mit diesen revisionistischen Ausblendungen die künftigen Generationen westukrainischer Schüler noch mitbekommen, dass diese „Helden“ sich in die Dienste von Wehrmacht und SS eingeschrieben hatten? Wird einmal danach gefragt werden, inwieweit sie bei „ethnischen Säuberungen“ an Polen und Juden mitgemacht haben? Ernste Fragen angesichts einer problematischen selektiven Geschichtsdarstellung, die Museen, Straßen und Denkmäler in dem ukrainischen L’viv seit 1991 verändert und geprägt haben.
Prof. Delphine Bechtel - Stellvertretende Direktorin des Centre Interdisciplinaire de Recherches Centre-Européennes, Professorin an der Fakultät für Germanistische Studien der Universität Paris IV - Sorbonne. Ihre wissenschaftlichen Interessen umfassen u.a. die Literatur und Kultur des Jiddischen in Mittel- und Osteuropa, Politik, Kultur und literarische Kontakte zwischen deutschen und jüdischen Schriftstellern in Hebräisch oder Schriftstellern in Jiddisch in Mittelosteuropa (Russland, Polen), multikulturelle Städte in Mittel- und Osteuropa.