Der Streit um das Erbe des „Prager Frühlings“

18 August 2011
Jan Pauer

Blickt man auf das Jahr 1968 zurück, stößt man auf die merkwürdige Tatsache, dass dem „Prager Frühling“ im Westen mit Respekt und Sympathie, in Prag insbesondere nach der Entstehung der selbstständigen Tschechischen Republik 1992/93 von maßgeblichen Teilen der neuen politischen Eliten und öffentlichen Meinungsmachern eher mit Skepsis und offener Ablehnung begegnet wurde.

Während in Europa, und zwar auch im ehemaligen Ostblock, seine Niederschlagung als eine nationale, tschechoslowakische Tragödie betrachtet wird, hörte man in der ersten Hälfte der neunziger Jahre aus Tschechien Stimmen, die im „Prager Frühling“ vor allem einen Kampf der kommunistischen Fraktionen untereinander sahen und das ganze Ereignis als eine Episode in der Geschichte eines absurden Experiments – des Kommunismus – betrachteten.

In der Tschechischen Republik der frühen neunziger Jahre gingen die Meinungen über Dubček erheblich auseinander. Jüngere konservative Journalisten verorteten ihn unwiederbringlich im kommunistischen Lager. Etwas differenziertere Stimmen konzedieren den damaligen Reformern Bemühungen um mehr Menschlichkeit, bescheinigen ihnen zugleich eine illusorische, inkonsistente und schwächliche Politik. Die Hauptbedeutung des „Prager Frühlings“ erblicken sie in seinem Scheitern, weil damit endgültig die Illusion der Reformierbarkeit des kommunistischen Systems begraben worden sei. Umgekehrt bescheinigten bekannte Akteure von 1968 wie Karel Kosík, Jiří Pelikán oder Eduard Goldstücker dem neuen liberalkonservativen Machtestablishment, es verhalte sich dem „Prager Frühling“ gegenüber nicht anders, als das Husák-Regime es seinerzeit getan habe. Der „Prager Frühling“ sei zweimal, nach 1968 und nach 1989, von den jeweiligen politischen Machthabern „begraben worden“. Aus dem politischen Differenzierungsprozess nach 1989 gingen in der Tschechischen Republik die neoliberalen Parteien als Sieger hervor. Sie wollten deutlich machen, dass sie eine andere Demokratie- und Gesellschaftskonzeption hatten als jene von 1968. Mit der schematischen Gegenüberstellung von „natürlicher Ordnung“ und „anmaßender Konstruktion“ einer technokratisch entworfenen, besseren Welt wurden alle Sozialisten und Linksliberalen als politische Feinde markiert, welche die Grundlagen der Freiheit des Menschen gefährdeten. Der „Prager Frühling“ wurde zum Politikum und stand im Zentrum der politischen Auseinandersetzung. Nicht Parteimitglieder standen bis 1989 im Mittelpunkt der Kritik, sondern die „68er“ und die mit ihnen verbundenen Dissidenten etwa in Gestalt der Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“.

Will man die zeitweilige Geringschätzung gegenüber dem „Prager Frühling“ nach 1989 auch innerhalb des reflektierten Antikommunismus in Tschechien verstehen, so ist ein Großteil davon auf die besondere Art und Weise seiner Niederlage zurückzuführen. Sie kam sukzessive, und ihren schwierigsten Teil erledigten die Reformer selbst. Deren Unfähigkeit, bestimmte politische Grundsätze nicht preiszugeben und lieber rechtzeitig die Macht abzugeben, statt zu hoffen, dass ihr bloßes Verharren in bestimmten Funktionen ein kleineres Übel sei, war kein Zufall. Darin spiegelte sich der wesentliche Unterschied zwischen einer reformkommunistischen Stellvertreterpolitik und einer legalen und demokratischen Politik, die sich dem Volk, dem Parlament und der Verfassung des Landes verpflichtet weiß. Die Unterdrückung des reformkommunistischen Versuchs mündete in Resignation, Zynismus, Emigration. Flucht ins Private und äußere Kollaboration mit dem Regime prägten die zwanzig Jahre des Husák-Regimes. Die Repressionen, aber auch politische Anpassung und Selbstverleugnung hat das Land in eine Kulturwüste verwandelt. Alle Reformgedanken blieben bis 1989 aus der Partei verbannt.

Die politische Instrumentalisierung in der ersten Hälfte der neunziger Jahre weicht nur langsam zurück. Differenziertere Urteile und die Einkehr des argumentativen Stils im Streit um das Erbe des „Prager Frühlings“ sind unverkennbar. Hinzu kommt, dass, trotz der kontroversen Bewertung des Reformexperimentes, der „Prager Frühling“ und seine gewaltsame Unterdrückung tief in das kollektive Gedächtnis der Bürger eingeschrieben sind. Laut Umfragen wird der „Prager Frühling“ mehrheitlich als der Versuch einer Erneuerung der Demokratie und als eine Angelegenheit der Mehrheit der Nation gesehen.

Anders verlief der Umgang mit dem Prager Frühling in der Slowakei. Sowohl der Reformprozess 1968 wie die Folgen seiner Niederlage wurden dort stark abgebremst. Da die Föderalisierung des Landes die einzige Reform des Jahres 1968 war, welche die politische Restauration nach 1969 überlebte, verfügte das Husák-Regime in der Slowakei über eine gewisse Legitimität. Die Slowakei hat unter dem kommunistischen Regime den größten Urbanisierungs- und Industrialisierungssprung in ihrer Geschichte vollzogen. Der Regimewechsel 1989 führte nicht zu einer starken Polarisierung zwischen einer demokratischen Opposition und offiziellen Strukturen, was sich in einer verhaltenen Auseinandersetzung mit der kommunistischen Vergangenheit und in der Ablehnung der in Tschechien nach 1989 vorangetriebenen „Lustrationen“ niederschlug. In der Slowakei gab es nach 1989 eine generell positivere Einstellung zum Erbe des Reformprozesses 1968.

Der Reformkommunismus wie der Eurokommunismus hinterließen weder theoretisch noch institutionell ein Erbe, an das die neu gewonnenen Demokratien nach 1989 hätten anknüpfen können oder gar müssen. Der Reformkommunismus als Demokratiekonzept ist aber weder mit dem gesamtgesellschaftlichen demokratischen Aufbruch, den man „Prager Frühling“ nennt, identisch, noch mit seiner Bedeutung sowohl für die tschechische und slowakische als auch für die europäische Geschichte.

Warum faszinierte der „Prager Frühling“ den Westen? Für die Sozialisten und Eurokommunisten war der „Prager Frühling“ eine Hoffnung, dass die ersehnte Verknüpfung von sozialer Gerechtigkeit und Demokratie Wirklichkeit werden könnte. Für die Modernisierer und Technokraten war es ein Experiment, das hätte zeigen können, ob eine Systemkonvergenz stattfindet, ob der Ausbau des Wohlfahrtsstaates im Westen eine Entsprechung in der Demokratisierung und marktwirtschaftlichen Öffnung im Osten hat. Für die Sozialdemokraten war der Prager Frühling eine Inspiration und eröffnete die Perspektive der Überwindung der Spaltung der Linken in Kommunisten und Sozialdemokraten.

Die Vorstellung, der totalitäre Sowjetkommunismus könne friedlich und unblutig überwunden werden, elektrisierte selbst bürgerliche und konservative Politiker wie zum Beispiel Margaret Thatcher oder George Bush Senior. Die bloße Vorstellung von der Möglichkeit einer gewaltlosen Überwindung der europäischen Spaltung berührte fast alle, auch unpolitische Menschen. Und schließlich war der „Prager Frühling“ ein mediales Weltereignis. Millionen Bürger konnten am Fernsehschirm den nächtlichen Überfall auf ein kleines Land sehen, das niemanden bedrohte, sondern sich daran machte, mit eigenen Lügen und undemokratischen Praktiken aufzuräumen. Der Prager Frühling veränderte nachhaltig den Blick auf die Natur des Sowjetkommunismus. Bekannte europäische Intellektuelle wie Jean-Paul Sartre und Bertrand Russell brandmarkten die militärische Intervention als „Moskaus Vietnam“.

Im ehemaligen Ostblock hatte der Prager Frühling nachhaltig gewirkt, indem die Veränderbarkeit des diktatorischen Systems sowjetischer Prägung zugunsten neuer Freiheiten für einige Monate Realität wurde. Die Proteste gegen die militärische Intervention in der Sowjetunion, Polen, Ungarn und der DDR durch kleine und damals machtlose Dissidentengruppen markierten eine Zäsur in der Entwicklung des Ostblocks. Es war der Beginn einer zivilgesellschaftlichen Opposition und das historische Ende des Reformkommunismus.

Der „Prager Frühling“ gibt wenig Anlass für selbstgerechte Urteile. Weder stimmt die schlichte Formel der Reformkommunisten, er sei der direkte Vorläufer der „samtenen Revolution“, noch die neoliberale Gegenüberstellung von den Interessen des Volkes, das Demokratie wollte, und denen der Reformkommunisten, die nur eine Modernisierung ihrer Herrschaft anstrebten.

Kulturell bedeuteten die sechziger Jahre eine produktive Aufbruchszeit. Der noch nicht so sichtbare zivilisatorische Rückstand gegenüber dem Westen und der vorökologische Wachstums- und Technikfetischismus unterstützten die damals geglaubte Perspektive einer langfristigen Annäherung der Systeme in Ost und West. Die erstaunliche, weltweite Renaissance des Marxismus in den sechziger Jahren erleichterte die grenz- und blockübergreifende Kommunikation. Ideologisch befand sich der „Prager Frühling“ auf der Höhe des zeitgenössischen Irrtums. Die damaligen Reformer verließen sich darauf, dass die durch die Verstaatlichung entstandene Gesellschaftsstruktur nicht mehr revidierbar sei. Gerade weil sie an die historische Mission des Sozialismus glaubten, trauten sie sich auch, mehr Demokratie zu wagen.

Trotz der schon erwähnten programmatischen Beschränkungen war der gesamtgesellschaftliche Prozess des Jahres 1968 eine Systemtransformation, die ohne Gewalt nicht mehr zu stoppen gewesen wäre. In der demokratischen Subversivität des Reform- und Transformationsprozesses, durch die der historische Beweis für die Möglichkeit einer friedlichen Überwindung der kommunistischen Diktatur erbracht worden ist, liegt die historische Bedeutung des „Prager Frühlings“.

 


 

Dr. Jan Pauer – Historiker, Übersetzer und Philosoph. 1990-1993 arbeitete er mit dem von der tschechischen Regierung geschaffenen Historiker-Ausschuss für Untersuchungen der Geschichte der ehemaligen Tschechoslowakei in den Jahren 1967-1971. Seit 1993 Mitarbeiter des Zentrums für Untersuchungen an Osteuropa der Universität in Bremen. Mitautor vieler Dokumentarfilme, Teilnehmer einiger Radiosendungen und Autor vieler Presseartikel aus dem Bereich der Geschichte, Kultur und Politik Osteuropas.