Die Erinnerung an kommunistische Verbrechen: Das "Haus des Terrors" und der Zentralfriedhof

18 August 2011
Krisztián Ungváry

Das 20. Jahrhundert war ein Zeitalter der Totalitarismen, die sich gegenseitig mit der Gefahr, die von dem Anderen ausgeht, legitimiert hatten. Die Verwüstungen, Massenmorde, Deportationen wurden meist mit dem Hinweis auf Präventivmaßnahmen vollzogen. In dieser Hinsicht bestehen zwischen Verbrechen der Kommunisten und der Nationalsozialisten wechselseitige und enge kausale Verbindungen. Eine Erinnerungskultur, die nur Verbrechen des einen totalitären Systems in den Blick nimmt, läuft Gefahr, in den Dienst des anderen totalitären Systems und mithin seiner Verbrechen eingespannt zu werden oder diese zu verharmlosen. Die in meinem Beitrag zu behandelnden zwei Erinnerungsorte sind dafür exemplarische Beispiele.

 

Das „Haus des Terrors”

Das Haus in der Andrássystraße Nr. 60 war geradezu prädestiniert für ein Museum, denn hier hatten bis 1945 die ungarischen Nationalsozialisten ihre Parteizentrale, gefolgt von der kommunistischen politischen Polizei bis 1989. Die national-konservative Regierung Viktor Orbáns scheute keine Kosten und gestaltete hier im Jahr 2002 das imposanteste ungarische Museum der letzten 15 Jahre. Im Innenhof des Museums sieht man Fotoinstallationen in Form einer „Wand der Täter” wie auch einer „Wand der Opfer”. Auf drei Etagen sind großzügig ausgestattete Räume geschaffen worden, die ausgewählte Aspekte zweier Diktaturen, jener der Pfeilkreuzler wie auch die der Kommunisten, behandeln.

Politiker aus dem Lager der Sozialisten und der Liberalen kritisierten von Anfang an die Idee eines Museums in diesem Haus. Außenminister László Kovács forderte, anstatt eines „Hauses des Terrors” sollte man ein „Haus der Erinnerung und Versöhnung” an einem anderen Ort errichten. Versöhnung setzt eine angemessene Anerkennung von Schuld voraus. Dies ist seitens der Täter praktisch nie erfolgt.

Im ersten Ausstellungsraum wird die „doppelte Besatzung" thematisiert. Die Ausstellung soll zwar bewußt nicht den Weg zum Holocaust darstellen – seltsamerweise gab es nur darüber Konsens zwischen den Parteien, dieses Thema in ein separates, abseits gelegenes Museum abzuschieben –, doch wurden in der verkürzten Darstellung haarsträubende Kompromisse eingegangen. Dem Besucher wird suggeriert, dass für die Übergriffe auf Juden nur wenige Leute verantwortlich gemacht werden können, obwohl es in der Wirklichkeit gerade umgekehrt war. Angesichts der belastenden Tatsache, dass vom Raub jüdischen Besitzes mehrere hunderttausend Ungarn profitierten und die Regierungsparteien vor 1944 sich in ihrer Judenfeindlichkeit kaum von den Pfeilkreuzlern unterschieden, ist die obige Information völlig irreführend. Zwar bremste die Politik von Miklós Horthy die Radikalität der ungarischen Antisemiten, seine Verdienste dürfen jedoch nicht die Verantwortung für die vor 1944 erfolgte Judenverfolgung verdecken.

Im Raum, in dem der Kleiderwechsel gezeigt wird, versagt die symbolische Darstellung am deutlichsten. Auf einem sich drehenden Podium sind zwei, mit dem Rücken aneinander aufgestellte Figuren zu sehen, die die Uniform der Pfeilkreuzler und der kommunistischen politischen Polizei tragen. Auf einem Bildschirm werden zudem sich umziehende Schatten gezeigt. Da sich 1945 kein einziger Pfeilkreuzler die Uniform der politischen Polizei anzog, ist diese Präsentation nur als Geschichtsfälschung zu bezeichnen. Hätten die Aussteller die Gemeinsamkeiten zwischen beiden totalitären Parteien zeigen wollen, dann hätten sie auf die Kontinuitäten in der Anhängerschaft beider Parteien hinweisen müssen.

Das Konzept der Ausstellungsmacher, die Kontinuitäten am Beispiel der Mitglieder der politischen Polizei zeigen zu wollen, verweist zugleich auf ein Problem dieser Ausstellung: vermieden wurde eine Thematisierung der nationalen Verantwortung. Über die Mitglieder der politischen Polizei ist allein der Halbsatz zu lesen: „eine Organisation aus linksradikalen Elementen, Kriminellen und ehemaligen Henkersknechten der Pfeilkreuzler”. Tatsächlich gab es in der Führung der politischen Polizei, also unter den Personen, deren Portraits in der Ausstellung gezeigt werden, keinen einzigen „Henkersknecht der Pfeilkreuzler” und auch keinen gewöhnlichen Kriminellen. Viele waren tatsächlich überzeugte Kommunisten. Bei den allermeisten könnte aber auch die Rache als Motivation zum Eintritt in die Polizei eine Rolle gespielt haben, denn die ersten Mitglieder der politischen Polizei waren überwiegend Juden, die die Unterdrückung während der Regierung von Miklós Horthy (1.3.1920–16.10.1944) zuerst als Mitglieder des jüdischen Arbeitsdienstes (eine besondere Einheit für die Zwangsarbeit in der ungarischen Armee), also als Opfer, kennengelernt hatten. Nur einige wenige kamen aus der Emigration. Die Ausstellung zeigt über die Kommunisten vor allem kompromittierendes Material. Für Antifaschismus ist daher im Museum des „Hauses des Terrors“ kaum Platz.

In dem Raum zum antikommunistischen Widerstand ist folgender Text zu lesen: "Mehrere Zehntausend meldeten sich zu Organisationen des bewaffneten Widerstands (...) Die Namen vieler sind unbekannt. Von anderen erzählt man noch immer kommunistische Lügen, obwohl sie richtige Helden sind". Es fällt schwer, diese Sätze anders auszulegen, als dass damit einseitig alle antikommunistischen Bewegungen, somit auch die rechtsradikalen und rassistischen, als heldenhaft beschrieben und verherrlicht werden sollen, was bedeutet, dass die Motive des Antikommunismus nicht hinterfragt und unterschieden werden.

Die undifferenzierte Präsentation von Einzelschicksalen führt zu einer Verwechslung von Tätern und Opfern. Dies fällt besonders im rekonstruierten Folterkeller auf. Neben keinem der Portraits in den Zellen steht, was genau den dargestellten Personen vorgeworfen wurde und warum sie zu Opfern des Terrors geworden waren. Die Opfer, bei denen auch die Täterbiographie hätte erörtert werden müssen, bleiben ausgespart oder gehören ausschließlich zum antikommunistischen Lager. Die Gestaltung verweist auf aktuelle politische Erwägungen der Ausstellungsmacher, indem sie zwar wagten, umstrittene Personen der antikommunistischen Seite als Opfer darzustellen, jedoch das selbe Maß bei Kommunisten nicht anlegten.

Sinnstiftende Absichten in der ungarischen Erinnerunspolitik sind unverkennbar, analysiert man die damaligen Eröffnungsreden und Kommentare. Ministerpräsident Viktor Orbán sagte in seiner Eröffnungsrede im Februar 2002, dass die Diktaturen in Ungarn immer nur mit Hilfe von außen an die Macht kommen konnten. Das trift im Fall der Räterepublik (19.3.–2.8.1919) jedoch nicht zu. Und während der Regierungszeit von Döme Sztójay (22.3.–29.9.1944) wurden die Judendeportationen zum allergrößten Teil von ungarischen Beamten durchgeführt.

Der Zentralfriedhof

Die Opfer aller wichtigen politischen Prozesse zwischen 1945 und 1962 sind auf dem Zentralfriedhof in zwei Parzellen bestattet worden. In der Parzelle 298 ruhen jene, die zwischen 1945 und 1956 wegen vermeintlicher oder tatsächlicher „Kriegsverbrechen” und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit” hingerichtet wurden, aber auch solche, die Opfer von Schauprozessen geworden sind. Pfeilkreuzler, Kriegsverbrecher, Demokraten, Sozialisten liegen hier Seit an Seit. In der benachbarten Parzelle 301 sind sowohl Opfer der Schauprozesse vor 1956 als auch Teilnehmer der Revolution des Jahres 1956 bestattet.

Das Gelände erwies sich nach der Wende als ein Erinnerungsort, wo die verschiedenen Interpretationen der Vergangenheit aufeinanderprallten. Die alternative Künstlergruppe „Inconnu” stellte bereits 1989 auf der Parzelle 298 zahlreiche so genannte „Kopjafa” (Holzbalken im Stil des Bestattungsbrauches der Madjaren vor der Christianisierung) auf. Als Reaktion auf die Modernität der Gedenkstätte entstand noch im gleichen Jahr ein stilisierter Eingang eines madjarischen Bauernhofes mit der Inschrift: „Wanderer, der Du hierher kommst, kannst durch dieses Tor nur mit einer ungarischen Seele treten.” Dahinter wurde eine Marmortafel mit folgender Inschrift angebracht: „Sie fanden den Märtyrertod für das Vaterland”. Diese Sätze stehen exemplarisch für eine Haltung, wonach die Bestatteten als Opfer einer speziellen, gegen Madjaren gerichteten Verfolgung anzusehen seien. Dass die Täter (Richter, Polizisten, Offiziere, Politiker u.a.) sich ausnahmslos als Madjaren empfanden, stellen die Initiatoren der Grabinschriften damit indirekt in Abrede.

Der Umstand, dass in der Parzelle 298 sowohl unschuldige Opfer, als auch Massenverbrecher ruhen, bzw. dass selbst einige Massenverbrecher nicht für ihre Taten sondern für erfundene Delikte hingerichtet worden sind, war über 15 Jahre lang nicht thematisiert worden. Eine „Säuberung” der Parzelle von den problematischen Personen ist kaum durchzusetzen, weil die Hinterbliebenen dies als Grabschändung empfinden würden. Bei vielen Opfern ist eine Mischung aus tatsächlicher und erfundener Schuld zu konstatieren. Bei einer konsequenten Trennung würden nur wenige Personen in der Parzelle bleiben. Diese Situation wird dadurch erschwert, dass in der Parzelle eine Gruppe völlig fehlt: die Kommunisten, die während der Schauprozesse umgebracht worden sind. Sie sind entweder nicht hier begraben worden, oder wurden noch im Jahre 1956 exhumiert und feierlich wieder bestattet. So gibt es für das rechte politische Lager auch keinen Grund, Kritik an den dort Bestatteten zu üben. Die Möglichkeit, die Gedenktafeln auszutauschen und der Komplexität beider Erinnerungsorte mit neuen Texten gerecht zu werden, bleibt offensichtlich für die politischen Entscheidungsträger bis heute eine gemiedene Aufgabe.

 


 

Krisztián Ungváry (geb. 1969) – ungarischer Historiker, spezialisiert sich in politischer und Militärgeschichte des 20. Jahrhunderts. Seine bekanntesten Arbeiten betreffen Untersuchungen über die Besatzungen Budapests während des 2. Weltkriegs. Er ist einer der Mitbegründer des Ungarischen Vereins Boyscout.