Lwów als Erinnerungsort der Polen. Einige Reflexionen über Lemberg im polnischen Bewusstsein

20 August 2011
Adam Redzik

Am Anfang des 20. Jahrhunderts rechnete Tadeusz Boy-Żeleński Lwów/Lemberg (ukrainisch L’viv) zu den wichtigsten Städten der Polen. Er dichtete:

Kraków, Warszawa i nasz Lwów prastary

Krakau, Warschau und unser Benjamin,    

   

Ten beniaminek wszystkich polskich serc,

Der Polen liebes Lemberg, das besteht seit Äonen,

   

Naszego ducha wszak to trzy filary,

Unseres Geistes der Stützpfeiler drei,

   

Naszej kultury tyleż dzielnych twierdz.[1]         

Und unsrer Kultur drei trutzige Bastionen. 

 

 

     

Als Boy sein „Lied über unsere Hauptstädte“ verfasste, war Lwów die bedeutendste Stadt der Polen. Dort befanden sich die wichtigsten Einrichtungen des politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Lebens. Die Universität trug zwar noch den Namen Kaiser Franz’ I., berief sich aber schon ausdrücklich auf den Gründungsakt König Johann Kasimirs vom Januar 1661 und, noch viel wichtiger, sie stand in nichts der ehrwürdigen Jagiellonischen Alma Mater in Krakau nach, ja sie übertraf diese auf vielen Gebieten. Ähnlich verhielt es sich mit dem Stadttheater, dessen wunderbares Gebäude nach einem Entwurf von Zygmunt Gorgolewski auf der Überbauung des Flusses Pełtew/ Poltwa stand; ähnlich in der Literatur, der sich in der damaligen „Hauptstadt des Polentums“ Gabriela Zapolska, Władysław Bełza und Maria Konopnicka widmeten, und in der Generation zuvor Aleksander Fredro, Jan Lam, Józef Ignacy Kraszewski, Walery und Władysław Łoziński und Seweryn Goszczyński. Ebenso war es in der Kunst, denn immerhin wählten über viele Jahre hervorragende Maler Lemberg zum Wohnsitz, wie Juliusz Kossak, Henryk Rodakowski, Jan Styka oder Artur Grottger. Letzterer pflegte zu sagen: „Ich liebe mein kleines Lemberg und gestatte nicht, etwas schlechtes darüber zu sagen.“ Von den zahlreichen großartigen Bildhauern seien nur erwähnt Julian Markowski, Antoni Popiela, Tadeusz Barącz, und von den gefragten Architekten Julian und Alfred Zachariewicz.

Schon in früheren Jahrhunderten hieß es von Lemberg, es sei „Schild und Wall“, die „hervorragende Festung der Rzeczpospolita“, „die führende Stadt der ruthenischen Wojewodschaft“, der „Schirm der Rzeczpospolita gegen ihre Feinde“. Später wurde Lemberg von Staatschef Józef Piłsudski für seinen hervorragenden Beitrag zur Wiedergeburt Polens und im Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1919–1920 mit dem Silbernen Kreuz des Ordens Virtuti Militari ausgezeichnet. Wie könnte man einen solchen Ort einfach vergessen? Wie ihn aus dem polnischen Bewusstsein, dem polnischen Gedächtnis entfernen, war doch Lemberg sechshundert Jahre lang eine Stadt mit überwiegend polnischer Bevölkerung? Es war auch eine der Hauptstädte Polens – war denn nicht etwa das Kronland Galizien und Lodomerien seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein polnisches Land? Es besteht kein Zweifel, dass in Sprache, Kultur und Gesellschaft der polnische Anteil dominierte, auch wenn sich zugleich die ukrainische Sprache und Kultur entwickelten.

Subjektivität ist eines der wichtigsten Charakteristika der individuellen Erinnerung. An dasselbe Ereignis erinnern sich verschiedene Zeugen auf sehr unterschiedliche Weise. Daneben spricht man auch vom kollektiven Gedächtnis, das zweifellos von der individuellen Erinnerung abhängt, aber auch vom nationalen Gedächtnis, vom staatlichen Gedächtnis, vom Gedächtnis der Generationen usw. Was ist das kollektive Gedächtnis in Bezug auf Orte wie Lemberg? Können wir heute noch über eine polnische Erinnerung an Lemberg sprechen, wo doch die Generation abtritt, die noch ein „polnisches Lemberg“ erlebt hat? Schließlich wird das Lemberg derer, die es nach 1939 bzw. nach 1946 gesehen haben, ein ganz anderes sein als das Lemberg derer, die es in der Vorkriegszeit kannten. Trotzdem bleibt eine Erinnerung an die Stadt zurück. Generationen von Zeitzeugen des polnischen Lemberg haben dafür gesorgt, dass trotz der Verbote in der volkspolnischen Zeit ihr Bild der Stadt an die Nachfahren weitergegeben wurde.

Oft war es das Bild eines verlorenen Paradieses, denn die Sehnsucht nach der Heimatstadt, aus der man vertrieben worden war, verstärkte den Gram und idealisierte zugleich die Stadt. Dennoch wird Lemberg im Bewusstsein der jüngeren polnischen Generationen eine etwas andere Stadt sein. Immer jedoch eine einzigartige, deren Besonderheit vielleicht mit seiner Lage im „Schatten der Grenzen“ oder auch in der Erinnerung an den einstigen kulturellen Schmelztiegel zu suchen ist.

Die Generation der Zeitzeugen des polnischen Lemberg wird sich an die Stadt immer mit Rührung erinnern, als an etwas sehr teures, das mit Gewalt genommen wurde. Zugleich wird sie stets ein wichtiges oder sogar das wichtigste Zentrum für Wissenschaft und Kultur sein und der Ort des Heldentums der polnischen „Adlerjungen“ bleiben, jener Schüler und Studenten, die Lemberg 1919 im polnisch-ukrainischen Krieg verteidigten. Von diesem Lemberg schrieben Zbigniew Herbert und Marian Hemar.

Die im kommunistischen Polen aufgewachsene Generation nimmt die Hauptstadt von Ostkleinpolen als Bastion des Polentums in dem „magischen“ Grenzland wahr, als „eine Polen immer treue Stadt“. Zugleich weiß sie, dass Lemberg ein gewichtiges Zentrum der ukrainischen Nationalbewegung war. Merkwürdigerweise ist auch für diese Generation Lemberg ein „verlorenes Paradies“ und die wichtigste Stadt Polens zwischen den Weltkriegen, die von beiden Besatzern auf die Probe gestellt wurde. Diese Sichtweise auf Lemberg, gepflegt von der „verdorbenen“ Generation in den Schulen Volkspolens, beweist, dass die Versuche fehlgeschlagen sind, die Stadt als eine ukrainische hinzustellen. Solche Versuche, die damals unternommen wurden, schlossen das Verbot ein, Forschungen zur Geschichte von Lemberg und anderer von der UdSSR annektierter Städte anzustellen.

Der Blick der jüngsten Generation, die bereits im freien Polen aufgewachsen ist, ist wieder ein ganz anderer. Die meisten identifizieren Lemberg mit dem Friedhof der Lemberger „Adlerjungen“, wozu der von den Medien umfassend kolportierte Konflikt um die Wiedereröffnung des Friedhofs beigetragen hat. Manche wissen etwas über die Anfänge der polnischen Pfadfinderbewegung, über die ersten polnischen Sportvereine und über Kazimierz Górski, den in Lemberg geborenen legendären Fußballtrainer der polnischen Nationalmannschaft. Ein Teil dieser Generation assoziiert Lemberg mit der Ukraine, ein anderer mit dem „polnischen Charakter des östlichen Grenzlandes“.

So wie sich das kollektive Gedächtnis ändert, so werden sich auch die Erinnerungsorte ändern. Solange eine Nation existiert, muss ihr kollektives Gedächtnis bestehen, aber dieses Gedächtnis ist nicht unveränderlich. Lemberg als Erinnerungsort entwickelt sich fort. Die historischen Konflikte verwischen sich mit der Zeit, und an ihre Stelle treten Momente, welche die Menschen einander näher bringen. So kann Lemberg verbinden, und nicht mehr trennen. Dafür besitzt es hervorragende historische Voraussetzungen. Dazu sind nur eine kluge Geschichtspolitik und Zeit vonnöten. Es ist vorstellbar, dass in einigen Jahrzehnten ein Ort wie der Friedhof der „Adlerjungen“ eine Brücke zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Volk schlagen wird, als ein Erinnerungsort des Kampfes der Jugend gegen das Böse.

Lassen Sie uns zum Schluss darüber nachdenken, welchen Stellenwert Lemberg im Bewusstsein der Polen haben sollte. Sollen wir Lemberg aus dem Blickwinkel des Łyczaków-Friedhofs, wo prominente Vertreter der polnischen Kultur ruhen, und des Friedhofs der „Adlerjungen“ erinnern? Sicher ja, aber nicht nur. Denn Lemberg war einerseits eine Stadt der nationalen Konflikte, andererseits aber, und das ist heute wichtiger und zu betonen, eine, nach den Worten von Stanisław Wasylewski, „sehr angenehme Stadt“. „Ein Garten inmitten des Paradieses“ nennt sie der Bericht von Martin Grüneweg von der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert und in den Briefen von Kornel Makuszyński erscheint sie als „eine Stadt, die immer lächelt“. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts nahm ein ausländischer Besucher, der Korrespondent des „National Geographic“, Lemberg als angenehme und tolerante Stadt wahr. An anderer Stelle wird sie gepriesen als „eine Stadt wie ein Brillant“.

Wir sollten Lemberg vor allem als Stadt betrachten, in der verschiedene Nationen, Religionen und Kulturen gemeinsam lebten: Polen, Juden, Ukrainer, Armenier, Deutsche, Tschechen, Magyaren, Russen und andere; und als bedeutendes Wissenschaftszentrum der Zweiten Republik mit der hervorragenden Johann-Kasimir-Universität, an der sich verschiedene wissenschaftliche Schulen bildeten. Wir dürfen das Lemberger Polytechnikum nicht vergessen, ebenso wenig andere Lemberger Hochschulen, wie die Akademie für Veterinärmedizin oder die Außenhandelsakademie. In Lemberg wurde zudem im Jahre 1911 durch Andrzej und Olga Małkowski die erste Organisation der polnischen Pfadfinder gegründet.

Lemberg sollte ein „Garten inmitten des Paradieses“ nicht nur für die Ukrainer und Polen, sondern für jeden werden, der sich mit der Stadt verbunden fühlt, wie der Verfasser dieser Zeilen, der keinerlei familiäre Beziehungen zu Lemberg hat und die Stadt nicht von den Erzählungen seines Großvaters her kennt, sondern daher, dass er viele Monate dort gewohnt und diese ungewöhnliche Stadt so kennen gelernt hat.

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

1 Tadeusz Boy-Żeleński, Pieśń o naszych stolicach i jak je opatrzność obdzieliła [Ein Lied über unsere Hauptstädte und wie die Vorsehung sie bedacht hat], 1907.


Dr. Adam Redzik (geb. 1977) – Historiker und Jurist. Arbeitet im Institut für Sozialprophylaxe und Resozialisierung der Universität Warschau, sowie an der Fakultät für Recht und Verwaltung der Kardinal-Stefan-Wyszynski-Universität. Er war Stipendiat des Europäischen Kollegiums Polnischer und Ukrainischer Universitäten.