Sichtbare Erinnerungen – Orte der Erinnerung an die Opfer der kommunistischen Regimes in Ostmitteleuropa

20 August 2011
Anna Kaminsky

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder heftig darüber diskutiert, wie das historische und kulturelle Gedächtnis des neuen erweiterten Europa, unter dem vor allem die erweiterte Europäische Union verstanden wird, künftig aussehen soll. Heftig umstritten waren dabei zumeist Themen, die die Geschichte der vormals dem Warschauer Pakt zugehörigen, ehemals kommunistisch beherrschten Staaten betrafen. Gedächtnis- und Erinnerungskonflikte entzündeten sich vor allem an ihren nationalen je unterschiedlichen Sichten auf ihre Geschichte und deren Bewertung im 20. Jahrhundert. Hier stehen vor allem jene Staaten im Mittelpunkt der Diskussion, deren Umgang mit nationalsozialistischen und kommunistischen Verbrechen nicht mit den im westlichen Europa und insbesondere der Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten entstandenen Erwartungen und Standards übereinstimmen.  

Dabei ging und geht es nicht nur darum, welche historischen Ereignisse in welchen Formen erinnert werden oder besser gesagt: erinnert werden sollten. Mindestens ebenso heftig wird darüber diskutiert, wie diese historischen Ereignisse zu bewerten sind und wie sie in die jeweiligen nationalen bzw. transnationalen Geschichtsnarrativen eingeordnet werden. Bei diesen Diskussionen spielt auch die Frage nach den jeweiligen Prioritäten in Bezug auf die Darstellung und Erinnerung zu anderen historischen Ereignissen, insbesondere den nationalsozialistischen Verbrechen, eine nicht minder wichtige Rolle.

Nicht zuletzt geht es dabei auch um ästhetische Fragen, um adaptierte Formen und quantitative Dimensionen, die die Bedeutung von Denkmälern oder Gedenkstätten an der Höhe, Größe oder der in Quadratmetern gemessenen Ausdehnung der jeweiligen Anlagen festmachen und aus ihrer schieren Größe Rückschlüsse auf ihre Bedeutungszumessung in Bezug auf Denkmäler für andere – oft als konkurrierend empfundene – Ereignisse ableiten.

Diese Diskussionen werden derzeit vor allem in Bezug auf die sich entwickelnden Erinnerungskulturen in den ehemals sowjetisch dominierten postsozialistischen Staaten Mittel- und Ostmitteleuropas geführt, die im Verlaufe des 20. Jahrhunderts zum Schauplatz von Verbrechen der zwei großen totalitären Systeme, Nationalsozialismus und Kommunismus, wurden. Viele dieser Staaten erlebten dabei eine mehrfache Besetzung, die heute mit regional und national je unterschiedlicher Gewichtung die seit 1991 entstehenden Erinnerungskulturen in diesen Staaten prägt. Eine Sonderstellung in dieser Diskussion nimmt die Entwicklung in der Russischen Föderation ein, der die ausschließliche Schuld für die im gesamten Ostblock begangenen Verbrechen zugewiesen wird. Dabei wird beiläufig übersehen, dass die russische Bevölkerung ebenso Opfer stalinistischer Verbrechen wurde wie die später von der Sowjetunion besetzten Länder. Hinter diese Erinnerungen treten die autoritären Regime der Zwischenkriegszeit zurück, die ihrerseits wiederum Personen oder Gruppen aus politischen, religiösen und/oder ethnischen Motiven verfolgten.

Verbunden mit der Abgrenzung zur ausschließlich als sowjetische Fremdherrschaft bewerteten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, dienen sie der Beförderung einer nationalstaatlichen Identität und gehen mit einer umfassenden Externalisierung von Schuld und Verantwortung – zumeist nach Moskau – sowie der Konstruktion einer eigenen national begründeten Opfer- bzw. Widerstandsidentität einher.

Damit verbunden ist eine sichtbare Inbesitznahme des öffentlichen Raums mit:

- eigenen Denkmalen und Symbolen, die an die Stelle bisheriger treten,

- der Umbenennung von Straßen und öffentlichen Einrichtungen (wozu auch so profane Einrichtungen wie Cafés und Restaurants gehören),

- der Zerstörung/Überformung von als fremdbestimmt klassifizierten Denkmalen und staatlichen Symbolen, die neutralisiert bzw. nationalisiert werden und somit gleichzeitig die Spuren der totalitären Vergangenheit getilgt werden,

- Reaktivierung nationaler und religiöser Symbole, die wegen ihrer Tabuisierung und Unterdrückung im öffentlichen Raum unter kommunistischer Herrschaft positiv konnotiert sind.

Die neu entstehenden Denkmäler und Erinnerungsorte erfüllen neben der Erinnerungs- und Gedenkfunktion auch Informationsaufgaben. Zum einen werden aufgefundene Orte von Massakern und Massengräbern markiert. Zum anderen werden mittels aufgestellter Informationstafeln Anhaltspunkte für die Identifizierung der Opfer gegeben, indem in den Massengräbern gefundene persönliche Fundstücke wie Zigarettenetuis, Brillen oder Federhalter mit Initialen abgebildet und die Bevölkerung um Mithilfe bei der Identifizierung der Toten gebeten wird. In Nekrologen werden die Namen der identifizierten Opfer veröffentlicht und ergänzt, um das Ausmaß der erlittenen Verfolgungen und Verbrechen sichtbar zu machen.

Während an die von den deutschen Besatzern während des zweiten Weltkriegs begangenen Verbrechen und den Kampf gegen die nationalsozialistische Herrschaft in den ehemals sozialistischen Staaten – wenn auch ebenfalls selektiv – in Form von Denkmälern, Museen und Gedenkstätten sowie Ritualen erinnert wurde, waren die durch die Sowjetunion bzw. die nationalen kommunistischen Machthaber begangenen Verbrechen tabuisiert und erleben seit 1991 eine nachholende Memoralisierung.

In den vergangenen Jahren ist in den ehemals kommunistisch beherrschten Staaten Ostmittel- und Osteuropas eine vielfältige materielle Erinnerungslandschaft in Form von Denkmälern, Museen und Gedenkstätten entstanden. Die Recherchen der „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ im Rahmen des Dokumentationsprojektes „Erinnerungsorte an die kommunistischen Diktaturen“ haben bisher mehr als 3500 Denkmäler, Gedenkstätten und Museen erfasst. Darunter befinden sich ca. 400 Denkmäler, die in der Russischen Föderation an den Großen Terror 1937/38 erinnern, oder etwa 300 Denkmäler, die in der Ukraine für die Opfer der großen Hungerkatastrophe Holodomor 1932/33 errichtet wurden. An die Niederschlagung der Ungarischen Revolution 1956 erinnern mehr als 150 Denkmäler. Diese beziehen sich zumeist auf nationalstaatliche bzw. konkrete regionale Ereignisse und konkrete Verbrechen. Dabei wird an Aktionen, Persönlichkeiten oder Gruppen erinnert, die für den nationalen Widerstands gegen die kommunistische Herrschaft und für nationale Selbstbehauptung stehen. Damit verbunden ist eine positive Erinnerungserzählung, die insbesondere in den baltischen Staaten oder in der Ukraine[1] ihren Schwerpunkt auf den antikommunistischen Kampf legt und seine Protagonisten als Widerständler und Opfer des Kommunismus verortet. Inwieweit dieser Widerstand zugleich mit einem Eintreten für demokratische Werte verbunden war, ist dabei sekundär.

Denkmäler zur Erinnerung an die unter kommunistischer Herrschaft begangenen Verbrechen und deren Opfer entstanden jedoch keineswegs nur nach dem Untergang der kommunistischen Regimes. So wurde zum Beispiel 1981 ein Denkmal für den Aufstand 1956 in Poznań errichtet. In der „freien Welt“ entstanden zahlreiche Denkmäler zur Erinnerung an kommunistische Verbrechen und ihre Opfer. Hierzu gehören zum Beispiel die Denkmäler, die in Westeuropa, Kanada oder den USA für die ungarische Revolution 1956 oder das Verbrechen von Katyn errichtet wurden.

Nach 1989/90 entstanden in den ehemals kommunistisch beherrschten Staaten jedoch nicht nur Denkmäler und Museen, die sich kritisch mit der Vergangenheit auseinandersetzen oder an die Opfer erinnern. Es entstanden auch Museen, Gedenkstätten und Erinnerungszeichen, die in positiver Bezugnahme auf die kommunistische Vergangenheit errichtet wurden. Hierzu gehören zum Beispiel – wie in einigen ehemaligen Sowjetrepubliken – neu errichtete Stalin-Büsten oder die Stalin gewidmeten Museen in Tbilissi, Geheimdienstmuseen wie in Dnipropetrovsk oder in Marij El.

Diese in den letzten Jahren entstandene vielgestaltige materielle Erinnerungskultur in Form von Tausenden von Gedenkstätten und Museen, Gedenkzeichen, Denkmälern, Mahnmalen, Sakralbauten und Museumsparks lässt jedoch keinen Rückschluss darüber zu, wie die Erinnerung an die kommunistischen Verbrechen tatsächlich im kollektiven Gedächtnis verankert ist oder welche Bedeutung eine Mehrheit der Bevölkerung solchen Zeichen im öffentlichen Raum zumisst. Oftmals wurden diese Denkmale von privaten oder lokalen Initiativen und Opferverbänden gegen Desinteresse oder gar den Widerstand einer Mehrheit der Bevölkerung oder staatliche Stellen initiiert. Aus der Vielzahl der neu errichteten Denkmale auf eine homogene nationale Erinnerung zu schließen, verstellt den Zugang zu den heute oftmals nebeneinander existierenden Erinnerungen und unterschiedlichen Bewertungen. So existieren zwar in der Ukraine mehrere hundert Denkmäler zur Erinnerung an die große Hungerkatastrophe von 1932/33. Aus dieser Zahl an Denkmälern jedoch zu schlussfolgern, dass die Erinnerung an den Holodomor und seine Opfer schon zum erinnerungskulturellen Kanon der neuen Ukraine gehören würde, wäre verfehlt.

Beredtes Beispiel hierfür ist auch die in die Hunderte gehende Zahl von Denkmälern für die Opfer der stalinistischen Repressionen oder des GULag, die in der Russischen Föderation entstanden sind. Vielerorts ist schon die Existenz dieser Denkmäler für die Masse der Bevölkerung unbekannt, geschweige denn, dass sie Teil einer lebendigen Erinnerungskultur wären.

 

[1] Weitere Beispiele aus Rumänien, Ungarn oder Kroatien aber auch weiteren Staaten ließen sich anführen.