Wem gehört Auschwitz?

21 August 2011
Piotr Cywiński

Was ist Auschwitz heute? Diese Frage ist gleich am Anfang zu stellen, bevor danach gefragt werden kann, wem es „gehört“. Dem Ort Auschwitz sind verschiedene Bezeichnungen zugewiesen worden. Die früheren Häftlinge, die dort nach dem Krieg eine Gedenkstätte schufen, nannten ihr Projekt ein Museum. Später, in den sechziger Jahren, wurde in Birkenau ein Denkmal errichtet, so als ob die Lagerruinen zur Erinnerung nicht ausreichten. Danach kam die Vorstellung auf, es handle sich um den größten Friedhof der Welt. Schließlich kam die Bezeichnung Gedenkstätte in Gebrauch. Das ist ein Neologismus, der vielleicht am klarsten die Unfähigkeit zeigt, die Sache beim Namen zu nennen.

Von allen ähnlichen Orten in Europa ist nur dieser in der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO eingetragen. Diese Eintragung sollte zeigen, dass der Ort repräsentativ für andere Objekte dieser Art sei und dass die anderen nicht in die Liste aufgenommen werden würden. Ich weiß nicht, was „Objekte dieser Art“ bedeutet. Geht es um andere Vernichtungslager? Oder um das ganze System der Konzentrationslager? Ist der GULag in diese Typologie eingeschlossen? Mit der Eintragung „andere Objekte dieser Art“ in der Weltkulturerbeliste wird Auschwitz prägend für eine bestimmte Kategorie von Erinnerungsorten und zugleich Teil des Erbes der Menschheit. Hier stellt sich die im Titel formulierte Frage: Wem „gehört“ Auschwitz?

Die Frage lässt sich unter vielen verschiedenen Gesichtspunkten, die sich wiederum nicht ausschließen, betrachten: dem der Geschichte, der Politik, der Empathie, auch der Moral oder der Anweisung zum Handeln. Eine solche Komplexität von Betrachtungsweisen führt zu einer gewissen Subjektivität. An diesem Ort gibt es kein Entrinnen vor jener Subjektivität, denn die Menschen haben das Recht, sich mit diesem Ort in verschiedenen Abstufungen verbunden zu fühlen. Die Vernichtung des jüdischen Volkes war das eine, die Geschichte des Konzentrationslagers etwas anderes. Unter den nichtjüdischen Opfern gibt es viele Überlebende, die sich an diesen oder jenen Cousin erinnern, der dort umgekommen ist, zum Beispiel als politischer Häftling.

Auch politische und ideelle Unterschiede spielen eine Rolle. Für einige wird die erzieherische Funktion des Ortes im Vordergrund stehen. Für andere Gemeinschaften ist Auschwitz ungemein wichtig als Ort der Selbstidentifikation. Ich denke dabei an die jüdische Diaspora, in gewissem Grade auch an die Roma. In Polen fungiert Auschwitz dagegen besonders als Symbol der Unabhängigkeit, aber es sollte nicht vergessen werden, dass auch Polen verschiedene Geschichten über Auschwitz kennt. Zum einen war es ein Ort der polnischen Eliten, die dort in der Anfangszeit die meisten Häftlinge stellten. Eine andere Geschichte erlebten die Einwohner des Gebiets von Zamość, die dorthin verschleppt wurden, um ermordet zu werden. Wieder eine andere Geschichte war die der Hauptstädter nach dem Warschauer Aufstand. Und noch eine ganz andere Geschichte ist es für diejenigen, die bei einer Razzia aus der Straßenbahn gezerrt wurden und keine Ahnung hatten, wieso man sie dorthin brachte, wo sie doch gar nicht der Widerstandsbewegung angehörten. Für die Deutschen ist Auschwitz natürlich eine besondere Erfahrung. Ihre Besuche dort wecken starke persönliche Bezüge zu diesem Ort. Die katholischen Christen sehen einen Bezug zum Märtyrertum, ja gar zur Heiligkeit, die sich ihnen dort offenbart.

Bei all diesen vielgestaltigen Sichtweisen von Auschwitz wird verständlich, wieso nach dem Fall des Kommunismus die neunziger Jahre so konfliktgeladen waren. Plötzlich trafen all diese Erinnerungen an diesem Ort aufeinander, und ihre Akteure begannen, einander wahrzunehmen. Ich hoffe, wir sind heute aufgrund dieser Erfahrungen klüger.

Von allen Zugehörigkeiten drängt sich die derjenigen am meisten auf, deren Asche dort verstreut ist. Die Erinnerung und die Zugehörigkeit der Erben der Opfer hat Vorrang, vor allem der Juden, aber auch der Polen, der Roma, der Kriegsgefangenen der Roten Armee.

Auschwitz ist natürlich ein Symbol des Völkermords, aber auch das größte Konzentrationslager. Deshalb identifizieren die Besuchergruppen von heute diesen Ort auch mit Geschehnissen, die sich vielleicht häufiger an anderen Orten abspielten. Geistliche wurden öfter in Dachau ermordet, ihrer wird aber auch hier gedacht. Frauen in Ravensbrück. Deutsche Homosexuelle oder Zeugen Jehovas auch in anderen Lagern – Dachau, Sachsenhausen, Oranienburg, Flossenbürg. Behinderte wurden überhaupt nicht in den Lagern ermordet, sondern oft in Einrichtungen an den Pflegeheimen oder in Vergasungswagen, dennoch wird auch ihrer an diesem Ort gedacht.

Was ist über die Personen auf der anderen Seite des Stacheldrahts zu sagen? Dort arbeiteten ungefähr 8000 SS‑ und Gestapoleute. Historiker schätzen, dass  im gesamten Lagersystem ca. 70.000 NS-Funktionäre tätig waren, von denen nach dem Krieg 1600–1700 den Gerichten übergeben wurden. Die meisten der Angeklagten bekamen Haftstrafen von drei bis fünf Jahren, oft auf Bewährung.

Wenn schon einmal von den Tätern die Rede ist, bleibt noch eine sehr heikle Frage offen. Ein Häftling konnte zugleich Täter sein, denn so funktionierte das System. Der Kapo, der Blockälteste oder der Pritschengenosse konnte zum Täter werden, wenn er schlug, Brot stahl, denunzierte oder keine Hilfe leistete. Hier haben wir es mit einer elementaren Erfahrung des Menschseins zu tun, mit etwas, das jeder von uns in seinem Leben durchmachen könnte, mit der Erfahrung, sich über jeden Zweifel erhaben zu wähnen und dabei unterschiedliche Gesichter zu haben.

Um den 60. Jahrestag der Lagerbefreiung herum galt die These, dass dieser Erinnerungsort bereits jetzt der gesamteuropäischen Geschichte angehöre und dass schon alles über ihn gesagt sei. Aber allein an der Besucherzahl sehen wir, dass die Menschen immer noch nach Antworten suchen. Während der vergangenen fünf Jahre hat sich die Zahl jedes Jahr verdoppelt. Letztes Jahr wurde ein absoluter Besucherrekord erreicht. Vor einigen Jahren tauchten in den Besucherstatistiken auf einmal auch Südkoreaner auf, heute sind es fast 40.000 jährlich. Fast so viele Besucher wie aus Frankreich oder Israel. Dabei gehört Korea doch zu einer ganz anderen Welt mit einer ganz anderen Geschichte. Die Mandschurei, China, Japan und Korea hatten während des Zweiten Weltkriegs ihre eigenen Tragödien. Und dennoch besuchen Menschen aus jenen Ländern diesen Ort. In den neunziger Jahren galt Auschwitz vor allem in Europa, Israel und Nordamerika als Symbol. Aber jetzt, vor unseren Augen, hat es sich in ein Symbol wahrhaft der gesamten Welt verwandelt.

Es gibt geographische, politische und historische Regionen, die sich mit Auschwitz nicht verbunden fühlen und das nicht offenbaren wollen. Vor allem möchte ich auf Österreich hinweisen, das in gewisser Weise ein Problem darstellt. Nur 3000 österreichische Besucher im vergangenen Jahr, bei 60.000 Deutschen und 56.000 Italienern. Wenn aus Österreich 3000 kommen und aus Tschechien fast 25.000, heißt das, dass wir es mit einem Erziehungs- und Identitätsproblem zu tun haben, das noch nicht bewältigt ist und über das wir gemeinsam nachdenken müssen. Ich betone: gemeinsam. Menschen aus Afrika und der arabischen Welt kommen überhaupt nicht. Dieses Problem geht auf die heutigen politischen Umstände zurück. Aufgrund dieser Vernachlässigung entsteht eine neue Geografie der Verleugnung.

Von wachsender Bedeutung wird die Tatsache sein, dass die nationale Zugehörigkeit im heutigen Europa nicht mehr der wichtigste Bezugspunkt für die eigene Identität ist. Es gibt national gemischte Besuchergruppen, die sich an diesem Ort selbst in anderer Weise wiederfinden – als Ärzte, Juristen oder Priester.

Es gibt noch andere Merkmale einer subjektiven Zugehörigkeit – zum Beispiel der persönliche Einsatz für die Erhaltung der Gedenkstätte. Seit Jahren trägt die polnische Regierung die Hälfte des Gedenkstättenbudgets. Die andere Hälfte muss das Museum aufbringen, einige wenige Prozent kommen aus dem Ausland. Zugehörigkeit und Verantwortung lassen sich nicht trennen, sie fügen sich   zu einem moralischen Problem.

Zum Schluss möchte ich noch die Frage der Teilhabe ansprechen – das ist vielleicht die wichtigste Frage, die sich aus dem Zugehörigkeitsgefühl und der Verantwortlichkeit ergibt. Wenn man die Bilder der Befreiung des Lagers betrachtet, lässt sich die Assoziation mit Ruanda nicht verdrängen. Die Frage richtet sich nicht auf die beiden Ereignisse, sondern auf unsere Passivität. Die Idee gesellschaftlicher Partizipation besteht darin, dass der Mensch verbunden ist mit dem, woran er mitarbeitet, was er erschafft, für was er sich engagiert, dessen Zwecke er verfolgt. Die Zugehörigkeit eines Menschen zu diesem Erinnerungsort wäre die Erfüllung des Ziels, das heißt: Nie wieder. Unterdessen besuchen Millionen Menschen Auschwitz und andere Orte dieser Art – wie zum Beispiel Yad Vashem oder das US Holocaust Memorial Museum. Und dieselben Menschen sitzen später vor ihren Fernsehern, schauen sich die Berichte aus Darfur an und sehen den Zusammenhang nicht. Als Einwohner freier Länder kritisieren sie diejenigen, die in den Jahren Hitlers nichts dagegen getan haben. Unmittelbar darauf tun sie selbst nicht das Geringste gegen andere Tragödien in der Welt.

Wenn ich also die mir gestellte Frage beantworten soll, würde ich sagen, dass Auschwitz als Erinnerungsort auf tragische Weise allen und zugleich niemandem gehört. Immer noch, leider.

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann


Dr. Piotr Cywiński (geb. 1972) – Historiker, Direktor des Staatlichen Musuems Auschwitz-Birkenau, Mitglied des Internationalen Auschwitz-Rates. Katholischer Aktivist, ehemaliger Präsident des Klubs der Katholischen Intelligenz in Warschau.